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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-23 · Heft 4 (23.1.1872) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 4 (23.1.1872)
Date
1872-01-23
Page
Seite 64 (sequence 10)
Language
German
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64 Frankreich. Paris, 15. Januar. In dem Budget für 1872 bildet das Capitel über den Etat des israelitischen Cultus diesmal einen Gegenstand unsres besondern Interesses. Durch die Abtretung von Elsaß und Deutschlothringen fallen die Ausgaben für drei Großrabbiner (Metz, Straßburg, Colmar) mit 10,500 Frcs., für einen Rabbiner mit 1800 Frcs., einen Rabbiner mit 1400 Frcs., 10 Rabbiner mit 13,000 Frcs., 28 Rabbiner mit 33,600 Frcs., 3 Vorbeter mit 3000 Frcs., 43 Vorbeter mit 25,800 Frcs., zusammen 80,100 Frcs. weg. Die Regierung will aber statt Metz und Colmar zwei Consistorien in Lille und Belfort Herstellen, was 11,000 Frcs. erfordert; ferner: die Dotation des israelitischen Seminars zu Paris, weil diese Anstalt bereits ein Deficit von 40,000 Frcs. hat, um 10,000 Frcs. erhöhen, und endlich das Genur mit einem neuen Beweise der crassen Ignoranz zu thun, welche diese frommen Herren in jüdischen, speciell talmudischen Dingen auszcichnet. Im Talmud Berachoth 16 b heißt cs nämlich wörtlich wie folgt: „Wenn Sklaven und Mägde sterben, stellt man sich nicht in Reihen auf, um.die Leidtragenden zu trösten, und sagt auch nicht den ßür Leidtragende sonst vorgeschriebcncn Segcnssprüch. Was sagt man denn? So wie man zu jemandem, dem sein Ochs oder sein Esel gestorben ist, sagt: „Der Herr ersetze dir deinen Verlust" — -p Dip72n —; so sagt man auch zu ihm in Bezug auf seinen Sklaven oder seine Magd: „Der Herr ersetze dir deinen Verlust!" Genau dieselbe Formel wendet nun der fromme Correspondent auf den verstorbenen Oberrabbiner an, und der gelehrte Herausgeber des „orthodoxen Centralorgans" druckt sie ohne weiteres ab. Das hätte nun allerdings noch nicht so viel auf sich; denn die Herren Neuorthodoxen, die nur auf den Schulchan-Aruch schwören, brauchen den Talmud nickt zu kennen. Nun heißt es aber auch im Schulchan- Aruck, Iore deah, Cap. 337, 1: „Wenn Sklaven und Mägde sterben, stellt man sich ihretwegen nicht in Reihen auf, sagt ihretwegen nicht die Tröstungen an Leidtragende; sondern spricht zu ihnen: „Der Herr ersetze dir deinen Verlust, wie man zu jemandem wegen seines Ochsen oder Esels sagt." Eine Stelle aber, die nicht nur der Talmud, sondern nach ihm auch der allein seligmachende Schulchan-Aruch bringt, hätten so fromme Herren, denen der Schulchan-Aruch Anfang und Ende alles Wissens ist, doch wohl kennen müssen. In diesem Falle hätte aber der Nekrolog wohl kaum mit einer solchen Blasphemie geschlossen." halt des Großrabbiners des Centralconsistoriums um 2000 Frcs. vermehren. Diese Vermehrung beträgt zusammen 23,000 Frcs., so daß die Verminderung im Etat des israelitischen Cultus 66,100 Frcs. beträgt. Während dieser also für 1871 234,600 Frcs. erforderte, verlangt er für 1872 nur 168,500 Frcs. — Der Oberpräsident von Elsaß-Lothringen hat die drei Consistorien zu Metz, Straßburg und Colmar befragt, ob sie eine Centralverwaltung für Elsaß- Lothringen wünschen, also eine Art Centralconsistorium wie das zu Paris. Metz und Colmar haben ablehnend, Straßburg noch nicht geantwortet. Holland. Amsterdam, 10. Januar. (Privatmitth.) Ich weiß, daß es nicht angenehm ist, zu erfahren, wie Vorurtheil und Engherzigkeit auch in denjenigen Ländern unfern Glaubensgenossen gegenüber noch vorhanden sind, wo man sie längst verschwunden glaubte, und wo alle Handlungen der Regierung und der gesetzgeberischen Factoren diesen Glauben als richtig und 'begründet annehmen lassen. Allein die Wahrheit muß alle Bedenken beseitigen , weil sie allein es ist, welche mit der Zeit jene Unduldsamkeit verschwinden machen kann, jedenfalls aber uns aneifert, sie unablässig zu bekämpfen. So begegnen wir denn auch in Holland, diesem ältesten europäischen Lande der Religionsfreiheit, nicht allzu selten Handlungen der Intoleranz, und zwar gerade innerhalb der sogenannten gebildeten Classen, wie man sie nicht mehr voraussetzen sollte. Doch zweierlei tröstet uns dabei; zuerst, daß sich die Juden in solchen Fällen niemals scheuen, gegen ihre Widersacher öffentlich aufzutreten, und dann, daß die holländische Presse stets in voller Einstimmigkeit solche Unduldsamkeit mit aller Entschiedenheit verurtheilt. Als ein Beispiel jüngster Zeit theile ich Ihnen in wörtlicher Uebersetzung das Schreiben eines sehr angesehenen jüdischen Banquiers an eines der bedeutendsten hiesigen Tageblätter mit, sowie den Leitartikel eines andern Blattes über den bezüglichen Vorgang. An die Redaction des Handelsblad. Bei Gelegenheit der nächsten Debatte im Gemeinderathe in Bezug auf die Anzahl der Mädchenschulen zweiter Classe kann es nicht überflüssig erscheinen, daß

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