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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-23 · Heft 4 (23.1.1872) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 4 (23.1.1872)
Date
1872-01-23
Page
Seite 62 (sequence 8)
Language
German
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62 Basis, Diese Herren werden das zwar nicht zugeben wollen, aber es verhält sich doch so. Äuö Würtemberg, 24. Deo. (Privatmitth.) Der Gegensatz von Stadt und Land, der sich hauptsächlich darin manifestirt, daß die erstere mit dem Zeitgeiste fortfchreitet, während der Bauer mit merkwürdiger Zähigkeit an althergebrachten Sitten und Gewohnheiten festhält, machte sich bei uns 'in zwei Vorfällen aus jüngster Zeit recht eclatant geltend. Bei der jüngst in Stuttgart vorgenommenen Gemeinderathswahl ist der namentlich um das Waisenhaus in Eßlingen so hochverdiente Vorstand, Herr Adolph Levi aus Stuttgart, mit der verhältnißmäßig hohen Zahl von 2063 Stimmen zum Gemeinderath gewählt worden. Während aber auf diese Weise die Hauptstadt ein so schönes Beispiel von Borurtheilslosigkeit gegeben hat, haben wir von einer Landgemeinde einen minder erfreulichen Fall zu berichten, der von großer Intoleranz zeugt. In Ernsbach (Aberamt Oehringen am Kocher) besteht ein Drittel der Bevölkerung aus Juden. Trotzdem durfte noch nie ein Israelit bei Berathung einer Gemeindeangelegenheit ein Wort mitsprechen, d. h. noch nie wurde ein Israelit in den Gemeinderath gewählt. Bisher haben sich dieselben über diese Zurückstellung hinweggesetzt, bis das intolerante Gebaren der Gemeinderathsmitglieder im Laufe dieses Sommers sie zu den möglichsten Anstrengungen zwang, um wenigstens eine Stimme im Gemeinderathe für sich zu erhalten, welche dieser so billig denkenden Versammlung gegenüber die Rechte der israelitischen Staatsbürger vertreten sollte. Im Juni dieses Jahres beschlossen nämlich die Mitglieder des Gemeinderaths mtt großer Majorität, von dem damals stattfindenden Friedenskinderfeste die israelitische Schuljugend auszuschließen. Da ein Anlaß zu diesem Beschlüsse in dem Umstande gefunden werden konnte, daß die Mittel zur Abhaltung des Festes aus einer christlichen Stiftung flössen, erboten sich die Israeliten sofort , die für sie erforderliche Summe durch eine Collecte aufzubringen. Trotzdem wurde dieser namentlich gegen die ausgeschlossenen Kinder so überaus grausame Beschluß aufrecht erhalten und die Israeliten, die an den Lasten des Krieges und seinen Folgen so gut mitzutragen hatten als irgend ein anderer, zum Mitfeiern des Friedens für unwürdigerklärt. Was das für einen Eindruck auf die Kinder machen muß, in deren Herzen auf diese Weise der confessio nelle Haß gepflanzt wird, den man in unseren Zeiten so gern als überwunden bezeichnet, kann sich jeder denken. Ein gebildeter Mensch, der das betreffende Protokoll liest, würde sicher im Zweifel sein,. ob das Datum nicht richtiger 871 statt 1871 heißen sollte. In Folge dieser Vorgänge strengten sich bei der letzten Gemeinderathswaht Mitte December die Israeliten in Ernsbach besonders an, um nur einen minder von Vorurtheilen befangenen Mann aufs Rathhaus zu bringen, und beinahe wäre dieses gewiß nicht unbillige Unternehmen gelungen, wenn nicht folgender Vorfall den Ausschlag gegeben hätte. Während der Wahlhandlung stattete ein Mitglied der Wahlcommission, ein Gemeinderath, den im Vorzimmer des Wahllocals sich aufhaltenden Wählern einen Besuch ab und ermahnte sie mit den schönen Worten: „Schaffet nur, daß kei' Jud noi kommt! S'hent schon z' viel Juden g'wählt; schaffet nur, sonst spuckt's!" Diese Worte schlugen durch und kein „Jud" wird das ernsbacher Rathhaus entheiligen. Die Beurtheilung solcher Zustände und solcher Agitationsmittel glauben wir getrost ohne weitere Besprechung der Oeffentlichkeit überlassen zu können. — Bezüglich der Wahl Levi's in Stuttgart hahen wir noch hinzuzufügen, daß derselbe seit 1848 der erste Jude ist, der in die. Stuttgarter Curulität berufen wurde; seine Wahl ist ein Sieg, aber ein mit schweren Kämpfen erfochtener; denn unter den Gewählten hat er die geringste Stimmenzahl und ist deshalb nur auf zwei Jahre designirt. Seine Gegner waren die judenfeindliche und die demokratische Partei; für ihn stimmten die dortigen Israeliten und die nationalliberalen Bürger, die ihn als makellosen Charakter und aufopferungsfähigen Menschen achten. Vom Neckar, 24. Dec. (Privatm.) Am vorigen Dinstag den 19. Dec. wurde von drei Lehrern des Landes, welche zugleich Vorsänger sind, dem würtembergischen Cultusminister v. Geßler im Namen des ganzen israelitischen Lehrerstandes eine Petition überreicht. in welcher um Erhöhung ihrer Besoldung und Verbesserung ihrer Stellung gebeten wurde. An der Audienz betheiligten sich' Lehrer Löwenstein von

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