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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-06-23 · Heft 26 (23.6.1851) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 26 (23.6.1851)
Date
1851-06-23
Page
Seite 300 (sequence 4)
Language
German
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300 Jugend festzuhalten. Die Erziehung war Jahrhunderte hindurch eine Erziehung für's Haus, das ganze Judenthum konzentrirte sich ja im Hause. Der jüdische Staat war zerstört, seine Bewohner waren in alle Welt zerstreut, von dem Staatsleben der Nationen ausgeschlossen, da flüchtete sich das Judenthum in's Haus des Einzelnen. Die radbinischen Institutionen begünstigten diese Wendung, hatten diese Richtung fast einzig im Auge. Das Judenthum wurde auf diese Weise dem Untergang entzogen, konnte es auch nur auf diese Weise werden. Jedes jüdische Haus war dem andern gleich; der Jude vom Don fand dieselben Sitten, dieselben Gebräuche, dieselben Gebete, Wünsche, Ansichten im Hause seines Bruders am Rhein und am Ebro, wie in dem Seinigen. Die Jugend brauchte nur für dies Haus gebildet zu werden. Man weihte den Knaben nach und nach praktisch in diese religiöse Häuslichkeit ein, den größten Theil praktisch, einen Theil aber auch theoretisch, indem man ihn zur Quelle der Institutionen dieses religiös-häuslichen Lebens, zum Talmud, führte. Diese Quelle zu studiren gehörte ein ganzes Lebensalter dazu, denn sie sprudelte fort und fort und wenn sie zu versiegen schien, grub man tiefer und tiefer und holte aus dem eignen Innern neues Quellwaffer hervor, Alles, um das Einfachste, die Häuslichkeit, zu einer Kette gottesdienstlicher Verrichtungen zu machen. Eine ungeheure Menge von Notiones, eine Welt des Wissens war nothwendig, um zu bestimmen, in welcher Frühstunde das erste Schema gerufen, ob das Ei, welches am Festtag gelegt wurde, gebraucht, wie der Ton beim Vortrag der Tora gehalten werden sollte u. dgl. Was ging solchen Menschen die äußere Welt an. Das war ja nur äußerer Tand, die Wissenschaft außer ihrer Wissenschaft Kinderspiel und Narretheidung, die Kunst lächerlicher, heidnischer Zeitvertreib, die Politik das Spiegelbild innerer Völkerrohheit! Was die Jungen brauchten, um ihr Brod zu erwerben, konnten sie leicht den Alten absehen, es fand sich von selbst; nur erst einige Groschen und Thaler erworben, abgespart, abgejagt, dann konnte mit Geld wol Geld verdient werden. Und was brauchte man am Ende? Nicht so viel, um das religiöse Haus aufzugeben, und in die heidnische Wett zu flüchten. Es war ja besser, diese gar nicht kennen zu lernen, um den Kontrast nicht gewahr zu werden. Selbst Mendelssohn urtheilte so noch. Wir werden sehen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, im Juni. (Privatmitth.) Die hiesige Rabbincrwahl ist nunmehr beendet. Sie siel mit 16 Stimmen von den 21, aus denen das auf breitester Basis aus der Gemeinde ernannte Wahlkomite besteht, auf den Prediger zu Bad-Homburg, Herrn Anschel Stern, einen jungen und noch unverheiratheterr Mann, der als Talmudist in dortiger Gegend viele Anerkennung findet, und seine Studien in Würzburg gemacht hat, ohne indeß von der jetzt dort einheimischen finstern Richtung ergriffen worden zu sein. *) Der nächste Akzessist war der Rabbiner zu Schwcrsenz, Herr vr. Joel, Verfasser der „Religionsphilosophie des Sohars", dem aber die eifrigen hierher reichenden Bemühungen eines 84jährigen Rabbiners in Polen, der wol in ihm einen "lmta ö'od nban nabna erblickte, hier den Weg verlegten. Unsere öffentlichen Verhältnisse stehen noch auf dem alten Punkte. Das Mischehengesetz ist zweimal von dem Sechzigerkollegium, und zwar mit geringer Majorität, abgewiesen, und daher noch nicht einmal zur Vorlage an die Bürgerschaft gelangt; und über die Kommunalverhältnisse wird schwerlich Etwas entschieden bis die neue Verfassung eingeführt ist, was aber bekanntlich noch im weiten Felde liegt. Kaum ist die vor Kurzem erwähnte Kollekte für die Schuldentilgung des neuen Tempels beendigt, als schon eine neue auftritt, für den Neubau eines Schulhauses für die Talmud-Tora-Schule, deren gegenwärtiges Lokal kaum für die Hälfte der vorhandenen Schüler hinreicht. Es sind einige 20,006 Mark als Geschenk erforderlich, doch ist bei der Plausibilität des Gegenstandes keine Sorge für die Kompletirung. Diese Schule bietet übrigens eine merkwürdige Erscheinung in der Pädagogik dar: sie hat nämlich keinen Schuldirektor oder Oberlehrer, wird blos von einer aus Kaufleutcn und Geschäftsmännern zusammengesetzten Direktion verwaltet, und vervollkommnet sich doch *) Es ist uns gegen diese Wahl aus Süddeutschland schon eine viele Bogen starke Polemik zugegangen. Aber die A. Z. d. Jud. spricht sich über keine geschehene Wahlen aus. Mögen die Gewählten die Wahl rechtfertigen! Dann ist Alles gut. Rechlsertigen sie sie nicht, dann ist's Zeit zum Richten! Redakt.

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