Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1845)
- Date
- 1845-09-29
- Page
- Seite 607 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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607 Preßburg vorragten, war auch der eiserne, drückende Arm des Pietismus schwer lastend, zurückdrängend auf jede Gestaltung und jede Organisirung, dachte an das Judenthum in Ungarn keine Seele, kannten sich einzelne Glaubensgenossen nur insofern, als sie die pesther, debreziner und andere Märkte in Verbindung brachten; von Erziehung der Jugend, Ansprüchen auf die heiligen Rechte eines Menschen und Staatsbürgers war keine Idee. Alle Rabbinen in Ungarn, nur der hochverdiente Chorin in Arad ausgenommen, glaubten in der Heranbildung einer großen ihrem Berufe vollkommen entsprochen zu haben, und daß sie eben dadurch Lausende zu miserablen, dem Staate unnützen, der Erstarkung des Judenthums schädlichen Individuen herangezogen, war über ihrem Jdeenkreis. Ein Jntimat zur Zeit Kaiser Josephs herablangend schärfte allen Gemeinden ein, Nationalschulen zu errichten, welche jedoch bis 1820 so sehr verkümmert blieben, daß öffentliche Prüfungen wegen Mangel an Zöglingen selten oder nie vorgenommen wurden; in Acht und Bann wurde Jeder gelegt, der in der gewohnten »nn-Ordnung irgend etwas zu ändern sich erkühnen wollte. Unter solcher Führung wuchs die Jugend heran; wenn sie nothdürftig lesen und schreiben ge-' lernt, - waren die Wünsche ihrer Eltern erfüllt. In Pesth war noch vor 20 bis 30 Jahren keine Spur einer geregelten, nach Ordnung und Sitte strebenden Gemeinde, und die vielen Einwandernden von anderen Orten hatten außer Gewinn und Vortheil im Handel kein andres Ziel vor Augen. — Die altofner Gemeinde zählte wol einige tausend Seelen, doch außer ihren zahlreichen, verkümmerten Chewres nicht ein blühendes, nach Erziehung und Aufklärung strebendes Institut. In Preßburg, dem Stammsitze der Orthodoxie in Ungarn, residirte weiland Rabbi Moses Sofer, ein Mann im Rufe der Heiligkeit und hohen talmudifchen Wissens, herrschsüctig und eitel auf seine Stellung sonder Gleichen. — Durch die aus seiner Schule nach vielen Gemeinden versetzten Zöglinge, gleich Kuckukseiern in fremde Nester gelegt, führte er ein weitziehendes Schtingnetz über Ungarn, dessen Faden alle in Preßburg den Knoten schürzten; Angeberei, Klatschsucht und Verfolgungen waren an der Tagesordnung, und nur dadurch konnte man sich bei ihm beliebt machen und auf den Titel eines Schnellgabes appelliren. Die bekannten Familien Ledesco., Biedermann, Neuwall, Ullmann, Ponzen und viele andere sind Abkömmlinge der preßburger Gemeinde, doch außer Breisach, A. Cohn, Koppelmann, B. Oppenheim und dem kleinen Häuflein ihrer Getreuen, die "22 genannt, waren alle indifferent und zogen bald von dem Orte, der nur Unangenehmes bot. In Arad war Choriu wol vor 30 Jahren noch nicht mit sich und seiner Gemeinde im Klaren, doch immerhin schon offen genug, um dem, was er gewollt und mit Beihülfe mehrerer Braven auch vollendet, zu entsprechen. Durch die eiserne Konsequenz eines Steinitzer, Hirsch!, Deutsch und vieler Anderer ist ihm fast Unglaubliches möglich geworden. Ueberhaupt nimmt die israelit. Gemeinde zu Arad in Bezug ihrer religiösen Verrichtungen und der zweckgemäßen Erziehung ihrer Jugend einen Standpunkt unter allen Gemeinden Un- .garns ein, der erst nach vielen Jahren gehörig gewürdigt werden kann. Noch lange bevor Pesth durch einen G. Ullmann, Oesterreicher und Kanitzer zum Selbstbewußtsein gelangte und irgend eine Bedeutung hatte, waren schon Chorin's Bestrebungen nach Ordnung und Humanität vorstechend, und wenn auch dazumal verpönt, immerhin Beispiel gebend und einwirkend. Daher kommt es auch, daß die Israeliten in Arad in freundlicher Eintracht, geehrt und geschätzt neben ihren christlichen Brüdern leben und die Munizipien ihres Komitats und der angrenzenden Gespannschaften, in Bezug der Juden, die freisinnigsten und bestgestimmten sind. In Mak6 und Ujhely war der Chasidismus zu Hause und ist durch die vielen einwandernden polnischen Juden noch heut zu Lage blühend. In Szegedin herrscht der Nihilismus, außer Basch, Cohn, Schwarzenfeld und Rath sind wenige Familien von Bedeutung. In .Papa hielt der unlängst verstorbene Rabbi Horowitz dem bessern Wollen der Achtbaren die Spitze und lähmte sie der Art, daß sie sogar jetzt Nichts vorzunehmen wagen. Alle andere Gemeinden sind kaum der Erwähnung rverth, nur einige wenige wie in Groß-Betschkerek, Stuhlweißenburg und Raab ausgenommen, wo wir in jüngster Zeit manche Bewegungen austauchen sehen, die uns zur Hoffnung berechtigen. Es dürfte, bevor ich auf unsere Deputirtenwahlen für die Juden in Ungarn zurückkomme, gewiß höchst interrefsant sein, die Zahl derselben nach den neuesten statistischen Daten hier anzugeben, in