Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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sam und gewissermaßen stockend nähern sich die beiden Briefschreiber einander und somit auch der Aufrollung ihrer Fronten. Im ersten wie im zweiten Teil der Briefsammlung erkennen wir Rosenzweig, dessen große Bedeutung vielen erst mit seinem Tod deutlich wurde, als den großen Lehrer der deutschen Judenheit, der sich nicht in ein Parteischema einzwängen läßt, sondern aus kritisch eroberten Bausteinen ein Judentum aufbaut, das geistig begründet ist und auf Grund der geistigen Tradition des jüdischen Denkens, das vom Punkt Palästina nicht wegzurücken ist, den Ewigkeitsanspruch des Judentums und seines Trägers, unseres Volkes, neu und umfassend herausstellt, Er ist kein ZTonist im polrfisclien Sinn gewesen; im geistigen ja. Er war vielleicht der geistigste der Kulturzionisten. Vor der großen Bewährungsprobe des Palästinawerkes in unseren Tagen hätte er wohl noch manches aufmunternde Wort gesprochen. Wir lesen es aber auch aus diesem reichen Band, der unglaublich viel Anregendes enthält und fühlen uns jüdisch belehrt und bereichert und beugen uns vor der Durchdringungskraft, der positiven Gestaltungsfähigkeit und der Unabhängigkeit dieses konstruktiv wirkenden Geistes, — * * * Das Suchen nach einem Weg geistigen Lebens im Judentum hat mit Rosenzweig nicht aufgehört, sondern einen Kreis gleichaltriger oder jüngerer Menschen zu weiterer Verinnerlichung und Klarstellung ihrer erzieherischen Gedanken veranlaßt. Man sprach dabei oft davon, das Judentum von dem Parteiengeist zu befreien. Das mußte nicht immer heißen, daß man es von jeder politischen Leistung ohne religiösen Unterton befreien wollte. Auch der allgemeine Zionismus sprach und spricht oft von einer Befreiung vom Parteienwesen, weil Zionismus als solcher ein ewiges Programm des Judentums, vielleicht gar das Judentum in nuce umfaßt. Und dennoch ist Zionismus etwas Politisches, weil er mit Polis zu tun hat, der Zusammenfassung von Menschen. Das ist der Unterschied zwischen dem Christentum und dem Judentum (ganz furchtbar grob gesehen natürlich). Dem Begriff der Kirche als Ausdruck geistigen Inhalts steht im Judentum nicht etwa der Lehrbegriff der Synagoge gegenüber, sondern der Doppelbegriff von Synagoge und Polis, weil Judentum immer gedacht ist mit Rücksicht auf den menschlichen Bestand, der begrenzt gegeben ist, während er für das Christentum unbegrenzt gegeben ist, ja vielleicht mit dem Gebiet der Menschheit glaubenstheoretisch gleichgesetzt werden kann. Man darf also Rosenzweig hier nicht falsch verstehen, wenn man von seinem geistigen Judentum aus das Judentum derart parteibefreit, daß überhaupt kein Politicum mehr verbleibt. GejBdbtwelHilkanuß bleiben und jüdische Qemeinschajt_jist VnlkgflgmgingrWf iinfl jfi^iftrko Volksgemeinschaft strebt nach Zion, streR^uT4 SammTunä. mdbt etwa nur aus weltlich-politischen Gründen — theoretisch vielleicht erst in sehr später Linie — sondern schon aus der Erfüllungssehnsucht prophetischer Verheißung und aus Notwendigkeit des jüdischen Geschichtsablaufes. Der Kampf gegen die Verweltlichung und säkularisierende Politisierung des Judentums ist häufig notwendig; um aber dem geistigen Judentum gerecht zu werden, muß dann der politische Grundzug in die ewige ZionsVerheißung verlegt werden, denn erst das ist Polis und Synagoge, Vielleicht ist Ignaz Maybaum in seinem Buch „Parteibefreites Judentum" diesem Entpolitisierungsstreben etwas zum Opfer gefallen. An zahlreichen Stellen dieses Buches findet der Leser Hinweise auf das Werk Franz Rosenzweigs. Auch dort, wo sich solche Hinweise nicht finden, will der Verfasser sein Buch in der Linie bewegen, die durch Franz Rosenzweig gewiesen ist. „In unserm Jahrhundert" heißt es in der Einleitung „— und wer weiß, in wieviel folgenden, wird jeder Wortführer des Judentums danach beurteilt werden, ob er den Weg der Er* neuerung, die Franz Rosenzweigs Werk zeigt und ermöglicht, geht oder nicht." 47