Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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So will Maybaum mit dieser von tiefem Wissen zeugenden Schrift den Kreis der Menschen erweitern, die von Franz Rosenzweig als jüdischem Lehrer in dieser Zeit Führung annehmen. Rosenzweig ist bestimmt kein Politiker im üblichen iSinn des Wortes gewesen. Aber sein Weg der Erneuerung führt nach Zioxy der Maybaums nicht deutlich genug, um nicht zu sagen^jnicj^biiwtw^ Wir sind keineswegs für eine Politisierung des Judentums, aber die Zionsbewegung ist nicht Politik, sondern geistige Grundlage. Dort, wo nur noch Politik um Zion sichtbar ist, dort sind auch wir nicht Freund der reinen Politik als soziologischer Volksfunktion. Die Sammlung des menschlichen Bestandes in Zion ist urjüdische, beinahe theologische Aufgabe; das hätte in diesem Rabbinerbuch schärfer herausgearbeitet werden dürfen. Sammlung gibt es aber nicht nur als theologisches Problem, sondern läßt sich ohne praktische Verlagerung des menschlichen Bestandes nicht durchführen. Das ist Rosenzweigs che „Politik", Maybaum ist fast noch unpolitischer, weil er sich ängstlich hütet, der Wortführer einer Gruppe zu sein. Wir gehen streckenweise mit ihm einig, wir stehen etwas anders zur Bedeutung der Galut und scheuen uns nicht, zionistisch Stellung^ zu nehmen. Ich glaube, religiöser Zionismus, dem kein BausTeln^e^"'e^3e1a^Judentums fehlt, ist ebenfalls parteibefreit, weil man ihm nicht Einseitigkeit vorwerfen kann, weder die, daß er vor ddßr Lehre kein Volk mehr sieht, noch daß er vor lauter zeitlich bedingter und begründeter Volksnot keinen ewigen Geist mehr sieht. Deutlich spüren wir bei Maybaum das Ringen um die Gemeinschaft, das nicht gespeist wird aus der Beispielhaftigkeit dessen, was in und für Palästina auf diesem Gebiet geschieht. Im Hauptpunkt gehen wir mit Maybaum: im Streben nach der Kehilla kedoscha, der heiligen Gemeinde, deren Inhalt er als lebendige Wahrheit und konkrete Wirklichkeit seinen Lesern gegenständlich und nachlebenswert vor Augen führt. Auch darin stimmen wir ihm zu, daß jüdische Gemeinschaft nur als Kehilla kedoscha jüdisch ligitim ist. Der Chawer wird von ihm als der priesterliche Jude empfunden, priesterlich im Sinne des Gebots der Thora, daß jeder an der Heiligung des Volkes teilnehmen soll. Nicht etwa wie es das 19. Jahrhundert zu lehren versuchte, als es den Rabbiner zum Priester nach christlichem Muster umbildete. In seinem Kapitel „Der Rabbiner" findet er schöne Worte zu diesem Punkt, der eine Schicksalsfrage für das Judentum werden kann. Was er fern von aller Politik sagt, ist höchst beachtenswert, gescheit und beherzigenswert. Er will uns hinausführen aus der falschen Prämisse, die das vergangene Jahrhundert der jüdischen Führung gewiesen hat. Er will lehrende Führung und priesterliche Gemeinschaft statt priesterhafter Führung und bestensfalls lernender Gemeinschaft, wenn nicht Glaubensgenossenschaft. Er wendet sich gegen den Rabbiner als bloßen Rhetoriker und will ihm autoritäre Führung zuweisen. Die hat er längst, wo er kein Rhetoriker mehr ist, sondern dem Ruf der Zeit gemäß in die Arbeit für das Volk eingetreten ist, um führend und lehrend zu wirken, dort wo das äußere Pathos der Fülle an innerer Substanz entspricht! Er vweist in Rosenzweigschem Sinn dem Liberalismus die Aufgabe zu, gegen -ifee Verkirchlichung der Synagoge amzirtwte^nttie^Weihe des Gebetes wieder schaffen, den Westjuden durch Zurückführung in die Welt der Synagoge für das ganze Judentum zurückzugewinnen. Diaspora und Palästina eint der Glaube an Gott und das Wissen um die geistige Existenzmöglichkeit des Judentums. Allerdings ist diese nach unserer Ansicht erst dann gegeben, wenn Erez Israel — wir verlangen ja auch nicht von vornherein einen Staatsverband — zum Wasserturm der Galut wird, der ihr Geistesströme spendet, von denen sie lebt. Vergessen wir nie, oben auf dem Wasserturm steht die Menorah als Zeichen, daß geistiges, still ringendes Judentum Palästina mit modernen Mitteln aufbaut. 48