Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1936-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1936) · page 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1936)
Date
1936-01-01
Page
– (sequence 46)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2827066-3186705-3186706--1172-3187239
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Kein Heiliger, sondern ein Jude ging damals von uns. Der Jude heiligt sich mitten im Alltag und besteht im Leben. Heiligung ist Nahekommen dem priesterlichen Ideal, das für jeden von uns gesetzt ist, für jeden inmitten seines Volkes. Und das Dasein mitten im Volk, nicht abgeschieden und abgesondert, das ist Leben. „Ins Leben" weist uns der Stern der Erlösung; die letzten Worte lauten so, die über dem Tor stehen, das in die Welt des Lebens hinausführt, mit dem das Buch endet. Ins Leben führt auch sein Opus posthumum, der schöne Band Franz Rosenzweig, Briefe (Schocken- Verlag, Berlin 1935), der in der umfangreichen Korrespondenz des Denkers und Lehrers nochmals seine führende Bedeutung in helles Licht rückt. Der Band ist unter Mitwirkung von Ernst Simon ausgewählt und herausgegeben von Edith Rosenzweig. Rosenzweig korrespondierte viel und gern; über fünfhundert Briefe enthält der Band, und diese Auswahl ist vielleicht der zehnte Teil der Hinterlassenschaft. Der erste Teil ist kein Briefwechsel, man bekommt nur Rosenzweig selbst zu hören, der lehrt, berät, anregt, verbessert und diskutiert. Er korrespondiert mit fast allen Menschen, die im deutschen Judentum an der Bildungsarbeit teilgenommen haben. Sehr viele Briefe sind an seine Eltern gerichtet, mit denen ihn— trotzdem er aus ihrem assimiliertem Milieu herausgewachsen war — eine tiefe geistige Verbundenheit vereinte. Aus den Briefen an seine Eltern kann man seinen Werdegang genau verfolgen, da er ihnen jede Phase seiner Entwicklung mitteilt und sie mit ihnen berät. So übersendet er ihnen 1917 aus dem Felde den Text seiner an Cohen gerichteten Schrift „Zeit ists", die bekanntlich die Lehrhausbewegung in Deutschland eröffnete, mit den Worten; „Eth laassoth ist fertig ... Ihr müßt es abtippen, euer Placet dazu geben — ich glaube, ihr werdet zufrieden sein, denn es ist jüdisch ohne „schwarz" zu sein, und zwar nicht teutsch, aber auch ganz und gar nicht palästinensisch —, . . . dann schickt es abgetippt entweder direkt, mit meinem Begleitbrief, den ich euch gleich sauber geschrieben mitschicken werde, an Cohen . Aufschlußreich für seine Stellung zu dem modernen Palästina ist der Brief an Benno Jacob vom 17. 5. 27, wo es heißt: „Wie ich mir die messianische Zukunft denke, kann ich nicht so genau sagen . . . Ich bin nicht naiv genug, um mir den Eintritt des Völker- und Gruppenfriedens ohne eine radikale, von heut aus gesehen wunderbare, Umschaffung der menschlichen Natur vorstellen zu können. Daß ich den Glauben an eine solche Zukunft habe, verdanke ich dem Siddur und Machsor. Ich kann Zion aus diesem Glauben nicht ausschneiden. Ein wie großes, wie jüdisches, wie „modernes" Palästina drum herum liegt, weiß ich nicht. Daß aber das Drumherum dieses — ja nicht himmlischen, sondern messianischen, also irdischen — Jerusalems vorhanden und im Sinn der Zeit auch „modern" sein wird, wahrscheinlich wenigstens, das wird mich dann sicher nicht stören, so wenig wie mich bei der Vorstellung des biblischen Altertums das kulturgeschichtliche Drumunddran stört, aber auch so wenig ich dem heutigen Palästina seine Fabriken und Autostraßen mißgönnen kann. Das gehört dazu." Also ein rein geistiger Zionismus, der sich aus einer palästinozentrisch orientierten Einstellung zur Lehre ergibt. Aber Rosenzweig ist als Lehrer nicht unpraktisch und übersieht keineswegs die Träger dieser, messianischen Möglichkeit. Für ihn — den Liberalen — gibt es keinen Anti*N Zionismus; er hält die antizionistische Seite des jüdisch-religiösen Liberalismus^ zwar für klassisch, aber nichts destoweniger für revisionsbedürftig. Er hat^ einer Revision vorgearbeitet. Die Zeit ist dabei, die Fortsetzung für alte evident zu gestalten. Im ersten Anhang folgt ein hochinteressanter, religionstheoretisch äußerst kesselnder Briefwechsel zwischen i^osenzweig und dem Soziologen.. Eugen Rosenstpck, der aus Ueberzeujjunj^zum Christentum übergetreten ist. Lang- 46

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.