Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 6-7 (6.1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 72 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 72 Z I O N Nr. 6/7 Stärke äußerte. Von einer Epoche z. B., die einen Jehuda Hallevi hervorbrachte, wird man — ohne daß ich die wesentlichen Unterschiede zwischen damals und heute verkenne — nicht sagen können, daß ihr das Nationalgefühl abging. Es ist also nicht Land und Sprache allein, was dieses jüdische Nationalgefühl erzeugt. Es ist nun aber die Frage zu prüfen: Inwiefern werden die Voraussetzungen für dieses jüdische Nationalgefühl in Erez-Israel verbessert? Es ist das jüdische Milieu, in dem man sich befindet, es ist »w»n MTW . ist, wie Leibowitz es ausdrückt, der „jüdische Lebensraum", der das Denken und Fühlen wesentlich beeinflußt. Daß das ni^J an sich auch in '"M nicht aufgehört hat. das haben die letzten Ereignisse doch wohl mit erschütternder Deutlichkeit bewiesen. Und ist es denn wirklich so, daß das ..Volljudentum", dessen Möglichkeit Leibowitz für das Ghetto absolut in. Abrede stellt, in *"x vollkommen zur Entfaltung kommt? Sind es nicht europäische Sitten und Unsitten, die mit dem radikalen Nationalismus ihren Einzug in '*x gehalten haben? Und damit, kommen wir auf den grundlegenden Unterschied zwischen dem Nationalismus, wie ihn der Zionismus vertritt, und dem nationalen Empfinden, wie es das Judentum lehrt, und wie es in der Thora verankert ist. Leibowitz meint: ,,Die entscheidende Bedingung ist nach unserer Ueberzeugung das jüdische Volkstum. Nur im jüdischen Volkstum und durch jüdisches Volkstum wird Thora Möglichkeit." Zugegeben; zuerst wurde durch die Erlösung aus Aegypten das jüdische Volk geschaffen, und dann erst empfing es die Thora. Aber schon; bei der Ankündigung der Befreiung heißt es: oyb 'S 03nK »nnpSl „Ich werde euch mir zum Volke nehmen"; schon hier wurde also festgestellt, daß das jüdische Volk ein Volk eigener Prägung ist. Das jüdische Volkstum — und damit kommen wir zu dem entscheidenden Punkt — ist nicht ein Erzeugnis europäischer Provenienz, wie es der Zionismus vertritt, es hat vielmehr seinen eigenen Charakter. Es ist schon richtig, daß für das traditionelle Judentum im Begriff „Thora" das jüdische Volkstum eingeschlossen war. Aber in dem Begriff des Volkstums, wie ihn der Zionismus lehrt, ist die Thora nicht eingeschlossen. Man hat: nicht mit Unrecht gesagt, der Liberalismus erstrebe die Assimilation des Einzelnen, der Zionismus die des Volkes. Leibowitz meint, wenn man die zionistische Forderung ablehnt, müsse man „der Thora einen neuen Sinn geben". Er vergißt aber vollkommen, daß der Zionismus dem jüdischen Volksbegriff einen neuen Sinn gegeben hat. Er hat ihn mit europäischem Ideengehalt erfüllt, und sein Ziel ist ausgesprochenerm&Qb die Säkularisation des Judentums. Darin eben liegt eine ungeheure Gefahr, die sich auf allen Gebieten auswirkt. Man betrachte doch nur das Geschichtswerk von Dubnow, das ganz auf diesem Prinzip beruht; und das die jüdische Geschichte in eine ganz andere Sphäre rückt. Man betrachte ferner die Werke moderner hebräischer Schriftsteller, die die Bezeichnungen für religiöse Begriffe dem Sprachschatz der heiligen Sprache entnehmen, so daß der Außenstehende sie für gläubige Juden halten muß, die aber einen ganz anderen Sinn damit verbinden. Hier handelt es sich nicht mehr um nebensächliche Kleinigkeiten, es geht um die Seele des jüdischen Volkes. Die Gefahr, die hierin liegt, ist hundertmal größer als religionsfeindliche Artikel von der Art eines Gerhard Holdheim u. a. sie verursachen können. Der Misrachi aber sieht diese Gefahr nicht, oder er schenkt, ihr nicht die genügende Beachtung. Er fordert einen religiös fundierten Zionismus, er setzt; zu den beiden Faktoren Land und Sprache noch die Thora hinzu. Aber er ignoriert es. daß durch das Hinzukommen dieses Faktors der Nationalismus etwas qualitativ anderes wird; dadurch aber wird eine bedenkliche Verwirrung der Begriffe, vor allem in der Jugend, erzeugt. . Die organisatorische Verbindung mit dem Zionismus hat naturgemäß zur Folge, daß man überall mehr das Gemeinsame hervorhebt. Nur so läßt es sich erklären, daß in misrachislischen Organen häufig zionistische Persönlichkeilen verherrlicht werden, ohne daß ihre gegnerische oder gar feindselige Einstellung zur Religion auch nur berührt wird. So erinnere ich mich, einmal in einer misrachislischen Zeitung einen Jubiläumsartikel über Ben Jehuda gelesen zu haben, wo diesem gewiß bedeutenden Gelehrten Lobeshymnen gespendet wurden: — daß er u. a. als erster öffentlich am Pessach *,'an gegessen hat mit der bewußten Absicht die Autorität der Religionsgesetze zu untergraben, wurde mit keinem Wort erwähnt. Diese weitgehende Toleranz auch gegenüber den extremsten Gesetzesverächtern ist ja überhaupt ein Zeichen unserer Zeit, und sie hat m. E. den Niedergang der Religion, das Ueberhandnehmen der Mischehen usw. mitverschuldet. Sic ist aber doppelt gefährlich, wo es sich um den Wiederaufbau unseres Volkes und unseres Landes handelt. Ich erkläre offen, daß solche Erwägungen mich immer wieder zurückgehalten haben, wenn ich im Begriffe stand, dem Misrachi beizutreten. Etwas anderes ist die Teilnahme an der Jewish Agency, wo durch die Scheidung in Zionisten und Nichtzionisten gegenüber dem zionistischen Nationalismus ein deutlicher Strich gezogen wird. Hier ist es möglich, an der Arbeit für das uns allen heilige Ideal des Aufbaus von v'h teilzunehmen,