Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Dr. Max Freudenthal: Etwas vom rituellen Schlachten vision des bayerischen Iudenedikts haben die Vertreter der Orthodoxie diesen Standpunkt vollinhaltlich nach seiner dogmatischen, wie nach seiner praktischen Seite hin aufrecht erhalten. Die liberalen Laien lehnten ihn nach jeder Richtung ab, die liberalen Rabbiner anerkannten die praktische Bedeutung der Verpflichtung der Gemeinde, ohne selbstverständlich den dogmatischen Standpunkt der Orthodoxie zu teilen. jXaktisch war die Aufnahme dieser Bestimmungen in das Staatsgesetz auch insofern von Bedeutung, als alle versuche der Schachtgegner, ein Schachlverbot herbeizuführen, von der Staatsregierung selber zurückgewiesen werden mußten, da focht die Konstitution der Kultusgemeinde erschüttert worden waren. Die Zeiten sind andere geworden. Die Trennung von Staat und Kirche bringt es mit sich, daß der Staat sich nicht mehr in die inneren Kultusangelegenheiten einmischen wird. Er wird deshalb auch die Anerkennung einer Kultus- Gemeinde 'als solcher nicht mehr von dogmatischen, sondern von rein bürgerlich rechtlichen Bedingungen abhängig machen. Für den Begriff einer Religionsgesellschaft wird ihm der Zusammenschluß von Personen zu religiösen Handlungen oder das bloße Bekenntnis zu einer Religionsgemeinschaft ohne Rücksicht auf die Stellung zu den dogmatischen Einzelheiten des Kultus genügen, von liberaler Seite wird diese Haltung gefordert und jede Einmischung Außenstehender in die innere Gestaltung der Gemeinde abgelehnt werden müssen. Für die von den Zionisten geforderte Volksgemeinde würde ohnedies das Bekenntnis zum jüdischen Volke, selbst ohne Religionsbekenntnis, ausreichend sein. Darüber aber kann kein Streit herrschen, daß auch in jeder liberalen Kultusgemeinde für die religiösen Bedürfnisse der Minderheit hinsichtlich des rituellen Schlachtens aufs gewissenhafteste gesorgt werden muß, und jeder liberale Rabbiner wird es ebenso gewissenhaft als feine amtliche Aufgabe ansehen für die Gewährung und Durchführung dieses Teiles des jüdischen Ritus einzutreten. Dies beides.ist ja auch in denjenigen Ländern, in denen bisher das Schächten nicht als ein konstitutives Merkmal der Kultusgemeinde offiziell galt, überall und ohne Reibungen geschehen, wenn auch nicht zu. leugnen ist, daß für jeden sittlich empfindenden Menschen und gewiß für den Vertreter einer Religion der Besuch von Schlachthöfen und die Uebep- - wachung von Tiertötungen eine heikle Aufgabe bedeutet. -In der letzten/Zeit find in jüdischen Kreisen, sowohl von liberaler wie von ziowstischer Seite aus, -mehrfach versuche untevnommen worden, allen natürlichen Hemmungen, welchen die Schlachtung von Tieren^ im menschlichen Gemüte und die Beobachtung des Speiserituals in der täglichen Praxis begegnet, durch Propaganda für den Vegetarismus zu entgehen. Lin zu diesem Zwecke in München begründeter Danielbund hebt ausdrücklich hervor, daß der Fleischgenuß eine der Ouellen der Ungerechtigkeit und Grausamkeit gegen die Tiere und mittelbar auch gegen dse Menschen bilde, sowie daß die vegetarische Lebensweise die rituelle Lebensführung erleichtere.und vereinfache, indem sie alle den Fleischgenuß betreffenden Gesetze gegenstandslos mache. Das ist richtig und gegen den Vegetarismus als solchen ist weder vom sanitären, noch vom ethischen, noch vom religiösen, noch vom ökonomischen Standpunkte aus etwas einzuwenden. Nur ist nicht einzusehen, wie durch den Vegetarismus „eine sittliche Erneuerung des Judentums" zustande kommen soll, wie sie der Danielbund als seinen Zweck verkündet. Line sittliche Erneuerung „des Judentums" ist sicherlich nicht vonnöten und die sittliche Erneuerung von „Juden", die ost sehr notig wäre, wird am allerwenigsten von dieser Seite aus wirksam in Angriff genommen werden können. Und der Vegetarismus.hat ganz gewiß mit dem Judentum als solchem nichts zu tun. Im Gegenteil, die jüdische Religion verbietet nicht bloß nicht den Fleischgenu^. sondern betrachtet ihn als etwas vorzügliches und darum als eine besondere Ehrung der Sabbate und Festtage. Auf Fleisch zu verzichten — man denke nur an die milchsdingen Tage! — gilt als Zeichen der Trauer und des Fastens. Keine Freude ohne Fleisch ist ein talmudifches Wort. Daß die Lssäer, die ost als Vegetarier angesprochen werden, sich des Fleischgenusses enthalten haben sollen, wird von der wissenschaftlichen Forschung entschieden bestritten. Und Daniel, der £jcro^ des Danielbundes, enthielt sich, solange er als Page am babylonischen Hofe diente, her ihm gereichten Nahrung nur darum, weil er