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Liberales Judentum · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September 1919) · p. Seite 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September 1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
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Albert Frohmann: Nach den Festen, Gedanken und' Sinnerungen 71 keine von Heiden hergerichteten Speisen genießen wollte. Daß er vorher oder nachher als Vegetarier gelebt habe, wird nirgends mitgeteilt, würde auch nicht den jüdischen Anschauungen entsprechen. Was das Judentum verbietet, ist vielmehr Jedes Uebermaß in Speise und Trank; was es gebietet, daß jeder Genuß, auch der materielle, „r e i n" sei. Es legt also auch gerade der Art des Lleischgenusses, wie es sie wünscht, eine sittliche Bedeutung und einen sittlichen Wert unter. In offenkundiger absichtlicher Ablehnung dieses. Reinheitsgedankens und seiner Uebertragung auf Materielles verkündet das Neue Testament (Matth. 15,11): „Was zum Munde eingeht, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde ausgehet, das verunreiniget den Menschen." Das ist ein uralter jüdischer Gedanke. Die ganze Theologie der Propheten baut sich darauf auf, daß die Sittenlehre, nicht das Zeremonialgesetz das Wesentliche an -der Religion sei. Dieser Gedanke ist im.-Judentum allezeit, selbst im Mittelalter lebendig geblieben. Eine für un- - sere Frage besonders bezeichnende Legende aus chassidischen Kreisen bringt Martin Buber in „Der Jude", Heft dieses Jahrgangs. Der Prophet Elia ruft darin in höchsteigener Person: „Lhassidim, Lhassidim! Was ihr in den .Mund tut, danach forschet und fraget ihr und wollet wissen, wer der Schächter war und wie das Fleisch gereinigt wurde. Aber was ihr aus dem Munde hervorbringt, euer Wort, das prüfet . ihr nicht, seiner Lauterkeit fraget ihr nicht _ nach!" Die Konsequenz aus diesen Gedanken führt jedoch durchaus nicht notwendig zur Aufhebung des Schächtrituals und der Speisegesetze, wie fee das Thriftentum gezogen hat. Die ftttfäfc Idee von der reinen Seele, die einen weinen Körper verlangt, muß vielmehr.zuletzt fordern, daß auch, was in den Körper eingeht, rein sei. Nicht der Grundssatz des Judentums ist darum zu verwerfet; sondern seine Uebertreibung, die Maßbsigkeit Ln der Anwendung. Zum Grund sitz kann und soll sich auch der liberale Jude bekennen. Jedoch den verwickelten und zahlbcsßn Distinktionen gegenüber, zu. welchen Ae talmudischen Erörterungen darüber in Theorie und Praxis allmählich geführt habm,wird er sich das höchste göttliche Gut, die Keiheit des Denkens und des Handelns, wchxen und von dem zutreffenden zehnten Grundsatz unserer „Richtlinien" sich leiten trssen: „Die Beobachtung aller weiteren, ben einzelnen betreffenden traditionellen Vorfhpiften überläßt das liberale Judentum dem religiösen Empfinden des einzelnen; es vGwirft die Bewertung der Frömmigkeit nach Arm Maß der äußeren Uebungen und erkemt als wertvoll nur an> was für den 'einzelner die Kraft hat, fromme Gesinnung hervorzruufen, die sittliche Tat zu fördern und religiöse Wahrheiten und Erlebnisse in anshau liehe Erinnerung zu bringen." Um so zun (Ausgangspunkt unserer Betrachtung zurückzEchren: auch der jüdische Ritus des rituellen Schlachtens hat nach einem schönen talnudischen Wort die Bestimmung „die Mersch en zu läutern," nicht aber die Tiere zu qrÄen! ttack den feiten. Gedanken und Erinnerungen von Albert Frohmann-München. Stiegt schon soweit zurück die Zelt, da wir draußen irgendwo in Flandern, irgendwo im Osten Rosch-ha-schono und Jomkipur gefeiert haben; liegt schon so weit zurück die Zeit, da die Tene des Schorhar sich vermischten mtt dem Donner der Geschütze, das Haus erbebte, in dem wir zum Gebete versammelt waren? Wo wir kaum entronnen dem Graue,, voll kindlicher, aus den Tiefen unserer Seele hervorquellender Andacht uns emxortragen ließen zu göttlichen Gedanken über all das IrÜffhe hinweg? Vergessen die Schrecken, veWnken die Bilder des Grauens; aber wrch und lebendig ein nie empfurckenes GefuK innerer Sammlung. Liegt schon so weit zurück die Zeit, daß es erst des Rosch-ha-shono, des Tages der Erinnerung, bedarf um uns herauszureißen aus den Kleinlichkeiten Les täglichen Lebens, um uns emportauchen zr lassen aus der grauen Flut, in der der AltUg uns mit sich fortzieht? Daß .wir uns auf uns selbst wieder einmal

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