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Liberales Judentum · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 58

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Date
1914-03-01
Page
Seite 58 (sequence 14)
Language
German
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58 Gotthard Deutsch: Aer Glaube an Kobrlspänr G 0 o o <£s ist ein alter talmudischer Spruch,* 11') daß — um ein mildes Wort zu gebrauchen — Kühnheit selbst in religiösen Dingen Erfolg hat. Dian muß sich die Ungeheuerlichkeit einer solchen Ansicht vorstellen. Ezechiel Landau gestattete, daß man sich in den Halbfeiertagen barbiere;118) allerdings tut er das mit einer gewissen Einschränkung in Rücksicht auf die Zeitverhältnisse und aus einem geheimen Grunde in Anbetracht des Ueberhandnehmens des Rasierens mit dem Messer, den Moses Sofer offenbar richtig' erraten hat?") Diese Entscheidung wird von den meisten rabbinischen Autoritäten seiner Zeit heftig angefochten. Azulai sagt sogar, er hätte mit falschem Maße gemessen.122) Noch heftiger wenden sich andere zeitgenössische italienische Autoritäten gegen ihn. Zsaak Formiggini, Rabbiner von Triest, erklärt es für eine Todsünde, sich dieser Entscheidung zu fugen. Salomo Lampronti, der Sohn des berühmten Arztes und Talmudisten, und Mordechai Zosef Tarxineti, Rabbiner von Ferrara, sagen, er hätte geradeso gut den Genuß des Kriechüeres für erlaubt erklären mögen.121) Zn der Tat hatte Zsaak Lampronti mitgeteilt, daß das Rabbinat von Ferrara im Jahre einen Talmudisten zur Verantwortung vorgeladen hatte, weil er sich unter besonderen Umstänständen — es war kurz vor dem Feste ein Todesfall in seiner Familie eingetteten — an einem Salbfeiertage hatte barbieren lassen.122) Ganz nebenbei als Bild des Wandels der Zeiten sei bemerkt, daß von den \202 Konfessionslosen, welche der Zensus von WO in Ferrara festgestellt hat, gut zwei Drittel Zuden sind.122) Der Bart an den Halbfeier¬ 11^) Sanhedrin, 105, a. 118) Noda Bi-Jehudah, Orach Chajim, I, M. 13; ll, Nr. 99—101. 118) Orach Chajim, Nr. 154. 12°) Schem Hagedolim, ]'. v. "9 Pachad Jizchak, Nachtrag zum Buchstaben Chet. 122) Pachad Jizchak, Gimel, 58, ä. "») Dessillo, 1911, S. 388. tagen hat eine kleine Literatur hervorgerufen. Ezechiel Landau teilt selbst den Widerspruch mit, den Rabbi Saul Löwenstamm, Rabbiner von Amsterdam gegen seine Entscheidung erhob,120 und des Letzteren Bruder, Rabbi pirsch Lewin von Berlin protestierte ebenfalls gegen die kühne Neuerung.122) Etwa vierzig Zahre nach Landaus Tode widmete der vom Kabbalisten zum Reformer metamorphosierte Zsaak Samuel Reggio (J(78? bis 1^855) der Frage ein Schriftchen,128) in welchem er für die völlige Freigebung des Barbierens an den Halbfeiertagen plaidiert. Natürlich konnte auch dann eine solche Neuerung nicht unwidersprochen durch die Welt gehen. Reggios Vater, Abraham Vita, (J755 bis J(8?2) ließ dagegen ein Schriftchen121) erscheinen, und schon vorher hatte Zakob Ezechiel Löwy, Rabbiner von Beuchen (\8\% bis ^8640, eine Broschüre zum Schutze des Gottesgesetzes geschrieben.128) Damit aber kam der Bart noch nicht zur Ruhe, denn noch 1[857 schrieb der holländische Rabbiner Zakob De Leeuw darüber eine Broschüre,122) vermutlich um die Ketzerei Landaus endgiltig aus der Welt zu schaffen. Nun bleibt die Frage: Wo ist der „Ausfluß des Gottesgeistes" zu suchen, der sich nach Herrn Lolmansohn selbst in dem Gesetze über das Bartscheeren an den Halbfeiertagen manifestiert, bei Ezechiel Landau oder bei Saul Löwenstamm, bei Zsaak Samuel Reggio, oder bei seinem Vater? Natürlich darf man auch nicht über dem Einzelnen das Allgemeine vergessen. Es handelt sich nicht um des Juden Bart an Ganz- 12±) Noda Bi-Jehudah, II, Nr. 101. 3.25) Aus Binjan Ariel, Amsterdam, 1778. Zitiert von Bär Karasik in seinen Noten zu Schulchan Aruch, O. CH., 531, Wilna, 1900. 128) Maamar hathigalachas, Livorno, 1835. 127) Thiglachas hamaamar, Livorno, 1844. Siehe: Benjakob, S. 615, Nr. 31. 128) Tisporeth Lulianith, Berlin, 1839. 129) Jggeres teschubah, Rotterdam, 1857.;

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