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Liberales Judentum · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 59

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Date
1914-03-01
Page
Seite 59 (sequence 15)
Language
German
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59 Gotthard Deutsch: Der Glaube an Hobrlspane oder an bfalbfeiertagen, sondern um das Prinzip, daß die rabbinischen Gesetze der 2lusftuß des Gottesgeistes seien, und daß der biblische Text, wie wir ihn besitzen, unter göttlicher Inspiration in allen, selbst den untergeordneten, Einzelheiten korrekt erhallten geblieben ist. Daß das Letztere nicht der Fall ist, ist dem Renner klar, und de Rossi, Kennicott und Salomon Iedidiah da Rorzi haben uns bewiesen, daß, wenn auch nur in sehr untergeordneten Einzelheiten, selbst unsere Manuskripte gelegentlich abweichen. Es gehört denn auch die . Glaubensstärke eines Israel Hildesheimer oder der bequeme Konservatismus eines S. £. Rapoport dazu, mit dem ersteren zu sagen: „Auch tausend de Rossis können an der Masorah nicht rütteln/33) oder mit dem letzteren zu erklären, für uns bleibt die Masorah ein eiserner wall/3* *) Aehnlich hat ja auch das tridentinische Konzil erklärt, daß für die katholische Kirche nur die Vulgata als authenttscher Text angesehen werden könne, ohne sich darum zu bekümmern, daß es unzählige Wichtige Varianten im Vulgata-Text gibt. Für den liberalen Juden bleibt es eine Tatsache, daß, wenn Mich alle Rabbinen in einer Auslegung übereinstimmen, dieselbe doch nicht richtig sein muß, und wenn alle Manuskripte bis auf den letzten Akzent einen gleichen Text bieten, dieser Text, wenn er keinen Sinn gibt, doch nicht korrekt sein kann, wenn man heute ein Bibelmanuskript mit der Vidinierungsmarke des großen Synhedrion von Johann Hvrkans Zeiten fände, so gäben doch weder Deut. XXXIII, 3, noch Hoheslied, VI, \2 einen Sinn. Und wenn wir nicht das positive Zeugnis Iosephus' und p^ttos132) und das negative des Talmud dafür hätten, daß bis zum Anfang des zweiten Jahrhunderts es niemandem einfiel, die klaren Worte: 13°) Der Israelit, 1860, 130. 131) Kerem Cheined, I, 22. 132) n, 399, s. Ritter: Philo und die Halachah, Leipzig 1879, S. 128. „Du sollst nicht kochen das Zicklein in der Milch seiner Mutter" (Lx. XXIII, 0) dahin zu erklären, daß es verboten sei, Fleisch- und Milchprodukte zu mischen, so wäre diese Erklärung doch eine Verzerrung des Wortsinnes. Ibn Ezras*33) boshafte Satire, daß das Gesetz so ausgedehnt werden mußte, weil wir, die Milch und Fleisch auf dem Markte kaufen, nie wissen können, ob nicht die Milch, die wir benützen, gerade von der Mutter des Tieres kommt, dessen Fleisch wir genießen, scheint von Mendelssohn ernst genommen worden zu sein.*3*) Es bleibt allerdings ein Rätsel, wie irgend jemand auf eine so weit hergeholte Auslegung dieser klaren Worte kommen konnte. Ein Versuch der Erklärung sei hier mit aller Reserve gegeben. Das talmudische Prinzip der Gesetzesauslegung, wie es sich im zweiten Jahrhundert im Gegensatz zu der christlichen sogenannten paulinischen Anschauung*33) entwickelte, war, das Gesetz nicht als Symbol, sondern als xraktische Uebung aufzufassen. Daher wird ausdrücklich die rein humanitäre Anschauung von dem Gesetze abgewiesen. „Gottes Gebote sind nicht Erbarmen, sondern Befehle"/33) heißt es im Talmud. Bei dem Gebote, das Zicklein nicht in der Muttermilch zu kochen, hatte die alexandrinische Philosophie behauptet, es handle sich dabei um die humanitäre Anschauung, das Tier nicht in der Milch zu kochen, die es genährt hat. Solche Symbolisierungen können leicht zur Mißachtung des Gesetzes führen, und darum mußte das Gesetz wörtlich ausgelegt werden/3') Wie dem auch sei, die auf rein wissenschaftlichen Prinzipien ruhende Bibelauffassung 133) Kommentar zu Ex. 23, 19. *34) Kommentar zur Stelle. *33) Römer, 10, 4. W6) Berakoth, 33, b. *37) S. meine TheorY of Oral Tradition, in „Uearbook of Central Conference of American Rabbis, 1897, S. 159.

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