Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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o o 57 Gotthard Deutsch: Der Glaube an Hobrtspanr war, in dieser delikaten Situation benehmen würde. Er handelte mit außerordentlichem Takte, und machte es so möglich, die jesuitischen s)läne zu durchkreuzen, ohne seiner Orthodoxie etwas zu vergeben und ohne der Wahrheit irgend wie nahe zu treten. Tr sagte: Ich glaube an einen persönlichen Messias und glaube ebenfalls, daß diese Anschauung die wahre jüdische Lehre ist, kann aber nicht leugnen, daß es zu verschiedenen Zeiten Theologen gegeben hat, die anderer Anschauung gewesen sind. Diese milde und unbestreitbar richtige Anschauung gab das Signal für Israel Hildesheimer, der damals in Eisenstadt Rabbiner war, eine Agitation einzuleiten, die Mannheimer und bsorwitz des Verrates am Judentum beschuldigte. Unterschriften wurden gesammelt, die erklärten, daß der Glaube an einen persönlichen Messias ein unveräußerliches Dogma des Judentums sei. Für den modernen Juden liegt die Sache ganz anders, wenn xvirklich Ezechiel gelehrt haben sollte, daß der von den Toten erweckte David unsterblicher König von Israel bleiben werde,19?) wenn Rabbi Uillel niemals gelehrt haben sollte, daß die messianischen Prophezeiungen Iesaias' sich "durch die Regierung Lhiskijahs erfüllt hätten,i") wenn auch nicht Josef Klfro109) den Glauben an einen persönlichen Messias als unwesentlich erklärt hätte, die Anschauung wäre doch unannehmbar. Die fundamentale dogmatische Frage liegt auch hier tiefer. Sie erschöpft sich nicht in der Einzelfrage betreffs des persönlichen Messias, sondern umfaßt die Gesamtfrage nach der wörtlichen Auffassung der Schrift. Auch hier ist es gut, an einzelnen Beispielen das Prinzip zu erörtern. Samson R. Hirsch, dem man es nachsagen muß, daß er sich vor den Konsequenzen seiner Anschauungen 10?) 37, 24—25. 108) Sanhedrin, 99, Ir. loa) Jkkarim, IV, 42. nie gefürchtet hat, sagt in einem nach Trier gerichteten Gutachten über die Frage, ob man einen Jünger des Breslauer Seminars als Rabbiner wählen dürfe, daß die Jünger dieser Anstalt, wie die Werke von Frankel und Graetz beweisen, nicht auf dem talmudischen Standpunkte stehen, daß die rabbinische Gesetzesauslegung in allen Einzelheiten authentisch sei, und daß sie daher nach talmudischer Anschauung „Epikuräer, die das Wort Gottes verachten" seien.no) Dieselbe Ansicht wurde schon früher mit beneidenswertem Mute von G. Tolmanfohn vorgetragen, der uns sagt, die talmudischen Aussprüche, daß Gott dem Moses nicht nur die rabbinischen Gesetzesauslegungen, sondern auch die später einzuführenden Anordnungen, wie das j)urimfest offenbart habe/?9) daß er ihm den ganzen Inhalt der Mischnah und Gemara — das letztere Wort wohl hier in dem Sinne der rabbinischen Lehre — mitgeteilt,112) daß er selbst die Textemendationen und Varianten der Bibel notiert1") und selbst die kalligraphischen Schnörkel dem Text hinzugefügt habe;1") das alles ist für Tolmanfohn nicht „aggadische Emphase", sondern wörtliche Wahrheit. Ebenso soll man nicht meinen, daß die rabbinischen Definitionen dessen, was am Sabbat als. verbotene Arbeit gilt, kasuistische Kleinkrämerei sei, daß solche Diskussionen, wie die Frage, ob man sich in den Zwischenfeiertagen (Thol Hamoed) barbieren dürfe, nach subjektiver Anschauung entschieden werden; alles ist „Ausfluß des Gottesgeistes".!") Es steht ja im Grunde so, wenn es auch nicht wörtlich gemeint gewesen sein dürfte, im Talmud?") u°) Sanhedrin, 99, a. Der Israelit, 1879, 814 bis 816. wi) Megillah, 19, b. "2) Berakot, 5, a. iio) Nedarim, 37, b. i") Menachoth, 29, b. i") Der Israelit, 1860, 129—131. i") Jer. Peah, 17, a. _.