Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Hermann Zippert: Aas Gebet 35 urteilungen aller weltlichen Bildung könnte ich noch in großer Zahl anführen. Eisak Jakob Schlomer in seinen „Erinnerungen aus dem alten Rtoisling", Lübeck, 1009, erzählt uns von den Bemühungen des damaligen Rabbiners Ephraim Joel (025—05\), die Rinder von dem Besuche der Schule abzubringen. Von der ehrwürdigen im Geiste Elijah Wilnas gegründeten Zeschibah zu Wolozhin berichtet ihr ehemaliger Leiter, Naftali Zebi Zehudah Berlin (00—093), daß er seinen Jüngern das Studium weltlicher Literatur nicht gestatte, denn, wenn es auch an und für sich gestattet sei, vertrügen sich das Heilige und das profane rächt „in derselben Herberge".««) Dieselbe Politik besteht in wolozhin noch jetzt. Alle nicht-rabbinischen Werke sowohl als Zeitungen, selbst die in hebräischer Sprache gedruckten, sind jedem Zeschibahjünger verboten.«7) Dieselbe Politik hat auch der kürzlich in London verstorbene Direktor der Zeführlichen Paraphrase unter dem Titel Zawaas Moscheh, Ungvar, 1864 herausgegeben. Der Autor, per ein Schwiegersohn Hillel Lichtensteins ist, lebt noch jetzt hochbetagt in Jerusalem. ee) Hamelitz, 1885. Reines Dor wechachamaw, III, 11. 6?) Jüdisches Tageblatt, New Jork, 6. Aug. 1912. schibah in Telzhi, Eliezer (Sorfcon,68) befolgt. Selbst die Bibel durfte auf seiner Zeschibah nicht studiert werden. Der Gberrabbiner der Äschkenazim in Jerusalem, Sarnuel Salant (00—009), erließ kurz vor seinem Tode eine Bekräftigung der früher erlassenen Bannbulle gegen die Benutzung der Bibliothek in Jerusalem?«) Selbst das Zentralorgan der okzidentalischen Orthodoxie „bedauerte" es vor einigen Zähren noch „tief", daß Theder und Zeschibah der Vergangenheit angehören, was „leider" nicht zu ändern sei?«) wie weit dieser Seufzer aus dem Herzen kommt, kann nur der Renner der Gedanken beurteilen. Der Renner der Verhältnisse muß sich nur wundern, warum man selbst in der „Torah - Anstalt" in Frankfurt doch wenigstens sich den „Doktor zu verschaffen" sucht. Seligmann Bär Bamberger war ehrlicher. Er hat noch 067 gegen den Gesetzesvorschlag agitiert, welcher den bayerischen Rabbinern weltliches Studium zur Pflicht machte.7^) 6s) Gestorben 13. Februar 1910. Fraind, St. Petersburg, 1908, Nr. 135, 146. 66) Gedruckt als Flugblatt unter dem Titel Gachale esch, 1904. 70) Der Israelit, 1908, Nr. 29. 71) Der Israelit, 1868, 79—80. (Fortsetzung folgt.) Vas 6ebet? Ucm Hermann Zippert, ITlifglied des jüdifch-liberalen Jugendnereins Berlin. m Gebet findet die religiöse Empfindungswelt ihren schärfsten Ausdruck, es stellt die innigste Beziehung zwischen Gott und Rkensch dar, ist die persönlichste und tiefste Rote der religiös empfänglichen Seele. Der Wandel der Inhalte des Gebetes wird daher mit Notwendigkeit ein Hinweis *) Vgl. „Die Stellung des modernen Judentums Zum Gebet" von Geh. Oberregierungsrat Dr. Meher- Karlsruhe in der Juni-Juli-Nummer d. vor. Jahrg. darauf sein, daß sich die religiöse Vorstellungswelt überhaupt geändert hat. Das Gebet als Brennpunkt des religiösen Gefühls wird am deutlichsten den Entwicklungsgang der gesamten Religion wiederspiegeln. Bei Betrachtung der Gebetsinhalte ergeben sich nun zwei große, scharf erkennbare prinzipielle Unterschiede. Rkan hat sie durch die Bezeichnung Bußbeziehentlich Bittgebet logisch gekennzeichnet. Dieses ist der Nieder-