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Liberales Judentum · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 36

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 36 (sequence 16)
Language
German
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36 Krrvmnn Zippert: Aas Gebet o o o o schlag einer einfachen, sittlich unreif empfindenden Seele, jenes bedeutet einen großen Erfolg über den selbstischen Instinkt im Menschen. Der bittende Mensch sieht in Gott den Machthaber über die Erfüllung seiner persönlichen wünsche. Gott offenbart sich ihm in den Naturgewalten und in den hemmenden Kräften seines täglichen Lebens. Ls ist zutiefst ein egoistisches Interesse, wenn er zu Gott betet. Der büßende Mensch dagegen sieht in Gott den Beschützer des guten Menschen. Nur wahrhafttge und rechtliche Gesinnung hat Einfluß auf die Handlungen Gottes. Sei ein guter Mensch, also lautet der Gedanke der sich im Bußgebet auswirkenden Seele. Beiden Vorstellungen gemeinsam ist der Glaube an die Wirklichkeit Gottes, der die Macht hat, die Natur nach seinem willen zu lenken. Er ist derjenige, der Himmel und Erde gemacht hat. Auch der sittlich-religiöse Mensch ist ebenso wenig wie der interessiertreligiöse Mensch geneigt zu glauben, daß die Natur unfühlend sei, daß die Sonne in gleicher Weise über Gerechte und Ungerechte leuchtet. Die Natur ist ihm ein Belohnungsmittel Gottes, die sich ihm willfährig zeigt, wenn er Gottes Gebote befolgt, die ihn jedoch straft, wenn er seine Gebote mißachtet. Und wenn die Tatsachen diesem Glauben zu sehr widersprechen, wird zur Bettung der Belohnungsidee ein Jenseits erfunden oder die Schuld nicht Gott, sondern der mangelnden Einsicht des menschlichen Verstandes zugeschrieben. Innerhalb dieses Gedankenkreises wird sich das Gebet stets bewegen. Eine ttefere Erfassung des sittlichen Gedankens bleibt ihm versagt. In dem Augenblick, in dem der Glaube an eine religiös regierte Welt erschüttert ist, wird dem Gebet der Wirklichkeitsboden entzogen, es wird sinnlos, da der Glaube an das Dasein der Macht, an die es sich wendet, erloschen ist. wenn aber das Gebet, ohne daß es seinem religiösen Boden entzogen wird, einen weiteren Veredlungsprozeß nicht verträgt, erhebt sich für jene,, die eine sittliche Tendenz in der Natur leugnen, — und deren Zahl ist bedeutend und keineswegs identisch mit atheistischer Gesinnung — die wichtige Frage: „welchen Wert hat dann noch das Gebet für den modernen Menschen?" Zur Beantwortung dieser Frage ist es nötig, nicht nur wie bisher dem Inhalte des Gebetes Beachtung zu schenken, sondern auch der Form, der Gebetssprache, der das Gebet umkleidenden Zeremonie unser Augenmerk zuzuwenden. Kitt anderen Worten, wir dürfen die künstlerischen Einschläge im Gebete nicht übersehen. Streng zweckmäßig genommen hat ja dio Form des Gebetes nichts mit dem Erfolg des Gebetes zu tun. höchstens könnten gewisse Formen des Bittgebetes sinnfälliger Gestaltung bedürfen (Dpferkult und ähnliches). Diese entspringen aber zunächst keineswegs einem künstlerischen Bedürfnis, sondern allein Nützlichkeitserwägungen. Ihr wert liegt im praktischen. Im Bußgebet wird erst recht die Form des Gebetes sehr unwichtig für den Betenden sein. Im Gegenteil, das erregte Stammeln und die stumme Verklärung im Blick eines betenden Menschen wird mehr echtes Gefühl in sich tragen, als irgend ein schön und gefällig gesprochenes Gebet. wenn sich dennoch das Gebet in kunstvolle Formen kleidet, müssen diese einem anderen geistigen Bedürfnis als dem religiösen entspringen. Es ist ohne Zweifel das 'Schönheitsbedürfnis im Menschen, das eine Verbindung, zwischen Gebet und Kunst herstellt. Der Inhalt, das „Was" des Gebetes galt Gott, die Art, in der dieser Inhalt zum Ausdruck gebracht wurde, das „wie" des Gebetes galt

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