Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 31 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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*0 0 o o Gotthard Aeutsrh: Aer Monde on Kodetspüne 31 srgan der Orthodoxie, das hie und da die Fußnote enthält: „Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden."3?) Folklore überliefert uns oft die sicherste Kunde von dem Fühlen und Denken der alten .Zeit. Aus diesem Grunde zitiere ich einen alten Kehilla-Witz, der uns die Inkonsequenz der neueren Orthodoxie klar vor Augen führt. Bekanntlich pflegte man aus einem Grunde, der mir durchaus nicht klar erscheint, den talmudischen Unterricht eines Knaben mit der -Abhandlung über das am Feiertage gelegte Ei zu beginnen, welche allen Rationalisten wie Ludwig 3örne38) Stoff zur Satire geboten hat. Einem enfant terrible wird die Frage nachgesagt: „U)ozu sich über die ganze Frage aufregen? Schammai sagt, man darf das Li essen; Hillel verbietet es. Nu, ißt man es, und sagt Hillel nichts davon." Das ist die Methode unserer Orthodoxen, wenn es sich um gesellschaftliche Gewohnheiten handelt, die mit dem im Schulchan Aruch kodifizierten Gesetz nicht in Einklang zu bringen sind. Wir haben z. B. ein klares Gesetz, daß der Jude in seiner äußeren Tracht sich von dem Nichtjuden unterscheiden solle.33) Wie in allen anderen Gesetzen gibt es auch darin Meinungsverschiedenheiten und Auslegungen, aber es genügt zur Beurteilung der Sachlage einen Besuch in Karlsbad oder in Kissingen im Sommer zu machen, um zu sehen, wie es die osteuropäischen Juden mit diesem Gebote noch ernst nehmen. Dieselbe Beobachtung kann man in allen nordafrikanischen Ländern machen, soweit europäischer Einfluß nicht die väterlichen Bitten geändert -hat. Vor hundert Jahren war es in Westeuropa nicht viel anders. Dem versuch der n Z. B. 1877, 784.- 3S) „Die Herren Rabbiner haben sich um ungelegte Eier gekümmert". „Herr Dr. Holst beneidet die Juden, daß sie fast noch größere Narren gehabt, -als mehrere Kirchenväter waren." Kritiken, Nr. 26. ^.,Der ewige Jude". 39) Joreh Deah, 178, 1. badischen Regierung, die Juden zu assimilieren, setzte der Rabbiner von Karlsruhe, Thias Weil, die Weisung entgegen, daß „einem Juden sich zu tragen gebührt, wie ein Iud"/°) Thias Weil war Rabbiner in Karlsruhe 1(770—1(805. Wenn man sein Bild sieht, mit dem bis auf den Gürtel reichenden, spitz zulaufenden Bart und mit der muffartigen Pelzmütze auf dem Kopfe, sieht man, wie ernst er es mit seinem Prinzip nahm. Sein Zeitgenosse, Raphael Kohen, Rabbiner von Altona, 1776—1(799, der Großvater Gabriel Rießers, tat ein Mitglied seiner Gemeinde in den Bann, weil dieser sich erlaubte, einen Haarbeutel zu tragen,") ^78h Eliah Wilna, den man wegen seiner Gegnerschaft gegen Mystizismus, den freier gerichteten Geistern zuzählt, hat nach dem Zeugnisse seines Verwandten, des populären Ritualisten. Abraham Danziger^) behauptet, man müsse dem Gesetze, welches vorschrieb, daß die Juden die Landestracht tragen sollen, wenn notig, mit j)reisgebung seines Lebens sich widersetzen. Im Jahre 1(760 hatte Salomon aus Bamberg, als er zum Gemeindearzt von Fürth erwählt wurde, das Versprechen geben müssen, daß er kein „Zopf Baruk" tragen und somit kein böses Beispiel geben werde?3) Dieselbe Gemeinde erläßt noch im Jahre 1(786 eine Verordnung, daß keine Frau den „Gebräuchen der Völker" folgend, sich frisieren lassen dürfe."-) Es war nur konsequent, wenn der später so berühmt gewordene Moses Sofer, als junger Bachur, mit seinem Lehrer, Nathan Adler, als Gast im Hause des Bankiers Adam Freiherr von Arnstein, der Schwiegertochter des Letzteren, Fanny, geborenen Itzig, tüchtig die Leviten las, als 40) Lewin: Geschichte der badischen Juden, S. 37. ") Kayserling, Moses Mendelssohn, S. 296. Leipzig, 1862. ") Chokmat Adam, Kap. 89, 1. «) Jahrbuch ü. Jüd. Lit. Gesellschaft, VIII, 67. 1911. ") il)., 191.