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Liberales Judentum · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 29

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 29 (sequence 9)
Language
German
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oo c o Gotthard Deutsch: Der Glaube an Hobelspane 29 Kreisen für nötig, die talmudischen Legenden als Tatsachen anzunehmen, obwohl für den geschulten Theologen kein Zweifel darüber herrschen kann, daß es zum Prinzip der rabbinischen Theologie gehört, die biblischen Wunder durch Uebertreibungen zu hebend) Wie weit man in dem verlangen an Autoritätsgläubigkeit gehen kann, zeigt das Beispiel des Grammatikers Salomon Hanau, der eine demütige Abbitte drucken lassen mußte, weil er in einem grammatischen Werkend) die mittelalterlichen Lxegeten, Ibn Ezra, Kimchi und Nachmani angegriffen batte.-o) Derartige Prinzipien können natürlich nicht ohne Einfluß auf das praktisch religiöse Leben bleiben. Joseph S. Bloch hatte in der „Israelitischen Wochenschrift" eine Abhandlung über das Buch Ionah veröffentlicht, worin er die Erzählung als eine Allegorie behandelt. Der Israelit^) erklärt diese Anschauung als ketzerisch, denn unsere Gebetbücher enthalten eine Litanei, in der ein Vers lautet: „Er, der Ionah im Bauche des Fisches erhört hat, möge uns erhören." Diese Litanei stammt aus der Mischnah22) und hat daher die rabbinische Autorität hinter sich. Soll nun der wahre religiöse Wert der Geschichte durch dogmatische Engherzigkeit zerstört werden? Wie tief derartige Anschauungen in das Lebensglück eingreifen können, zeigt ein Fall, der \857 aus Hamburg berichtet wurdet) Ein von einem Rohen verführtes Mädchen durfte ihren Verführer nicht heiraten, weil *8) Die Beispiele für diese Behauptung finden sich aus jeder Seite der haggadischen Literatur. Als typisch will ich nur die widerliche Hyperbel von der Milchsülle in Sarahs Brüsten, Bereschit Rabba, 53, zu Gen. 21,7 zitieren. i8) Binjan Schelomoh, Frankfurt a. M., 1708. 20) Zeitschrift für hebe. Bibliogr., VIII, 1904. 93—94. Jahrb. Jüd. Lit -Gefellsch., VIII, 106 bis 110. 1911. 21) 1875, S. 752. 22) Megillah, 15a. 23) Allgem. Zeitg. d. Judent. 1857, 199. eine unwissenschaftliche Anschauung des Talmud2H und die höhere Ehre eines Rohen dieser Verbindung entgegenstanden. Allerdings um gerecht zu sein, muß man zugeben, daß mitunter die talmudische Kasuistik sexuelle Entgleisungen saniert, welche sonst Härten zur Folge hätten, die das Fühlen des modernen, selbst des orthodoxen, Juden schwer verletzen, wie die genannten Fälle beweisen. Natürlich können solche Kniffe das Gewissen nur täuschen, aber nicht befriedigen. Mitunter tritt daher die ganze Roheit der Glaubensstärke hervor, wie sie sich, wenn sie Gelegenheit dazu hatte, in Peter Arbues oder Thomas Torquemada manifestierte. Der Israelit2«) verzeichnet den Vortrag eines jüdischen Arztes, der sich gegen die bei Juden häufigen Verwandtenehen ausgesprochen hatte. Der redaktionelle Großinquisitor ist entrüstet. Die Rabbinen haben die Ehe mit der Nichte nicht nur gestattet, sondern sogar empfohlen (Iebamot, 62, b). Die wissen-, schaft kann irren und' hat oft geirrt; das Judentum aber ist unfehlbar. Wenn ein Doktor der Philosophie im Jahre \867 so geschrieben hat, wer will sich wundern, daß ein Mann, wie Moses Sofer, der nicht die geringste weltliche Bildung besaß, im Jahre JSJS in seinem Verdammungsurteil über den Hamburger Tempel behauptete, es könne keinem Zweifel unterliegen, daß das Sanhedrin zur Zeit des zweiten Tempels mehr gewußt habe, als alle heutigen Universitäten?!) Es ist daher nur konsequent, wenn er in der 2i) Iebamot, 34, b. 25) Das Thema ist ein ivenig delikat. Man vergleiche Eleazar Horwitz, Jad Eleazar, Nr. 30, Wien, 1870, der entscheidet, daß ein lebensfähiges Kind 152 Tage nach der Empfängnis geboren werden könne, wenn darunter sieben Neumonde sind, und Isaak Elchanan Spektors Entscheidung die sogar eine Art unbefleckter Empfängnis für möglich hält, um ein fragliches Ehebündnis mit einem Kohen zu ermöglichen, Ez Jizchak, S. 205—208. Wilna> 1888. 26) 1867, S. 729. 2i) Responsen, Hatam Sofer, VI, Nr. 84.

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