Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126546-3126548--1643-3128464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

o o Ar. Aienrmann: Judentum u. Christentum in ihrer Verschied. Stellung rum Gesetz 7 Judentum und Oiristentuni in ihrer verschiedenen Stellung ZUm „Gefefe".*) Van Dr. Max Dienemann, Rabbiner in Ratibar. on Anfang an nahm das Christentum eine dem jüdischen Gesetz feindliche Stellung ein. Diejenigen Kreise, deren Ideal es noch war, das Gesetz des Judentums mit dem Glauben an den erschienenen Messias zu verbinden, sanken bald zur Bedeutungslosigkeit hinab, und allein sieghaft blieb der neue Glaube, daß durch Christus das Gesetz Israels abgetan und erledigt sei. Gesetz und Evangelium bilden bis auf den heutigen Tag im christlichen Bewußtsein die beiden großen Gegensätze, Gesetz — der Sinn des Judentums, Evangelium — der Sinn des Christentums, Gesetz — etwas Hartes, Starres, niemals Gemeinschaft mit Gott Bringendes, Evangelium — die Liebe und das friedenbringende Erbarmen, die wahre Gottesgemeinschaft, Gesetz — die niedere Stufe der Religion, Evangelium — ihre höchste Stufe, die Vollendung. wie ist diese Stellungnahme zu erklären und zu begreifen? Um sie zu verstehen, muß man sich die Verschiedenheit der Anschauung über das Wesen des Menschen vor Augen halten, in der beide Religionen auseinandergehen. Das Judentum geht ständig von dem Gedanken aus, daß der Mensch mit der Fähigkeit ausgestattet ist, aus eigener Kraft sittlich zu handeln, und daß darin seine Gottesebenbildlichkeit besteht. Das Christentum geht ständig von .dem Gedanken der Erbsünde aus, d. h. es sagt, daß die sittliche Kraft des Menschen von Geburt an geschwächt oder gar gebrochen ist, daß in ihm eine mystische Macht, die Sünde, die Herrschaft hat. Demgemäß, lehrt das Lhri- *) Aus einem demnächst in den von Dr. Ziegler- Karlsbad herausgegebenen »Volksschriften über die jüdische Religionerscheinenden Hefte: »Judentum und Christentum" von Dr. Dienemann-Ratibor. stentum, kann er nie aus Eigenem gut handeln, nicht er tut das Gute, sondern die Gnade Gottes, die in ihm wirkt, er ist immer nur ein Gefäß der Gnade. von solchem Denken führt ein unvermeidlicher Schritt zu dem Gedanken, daß den Menschen aus dieser in ihm wohnenden Sünde keinerlei Gesetz, keinerlei religiöse Forderung zu retten imstande ist. Mag der Mensch noch so sehr gewillt sein, der Forderung entsprechend zu leben, dieser Wille hat gar keinen Sinn, bringt ihn Gott keinen Schritt näher, denn was immer der Mensch tut, er kann es ja infolge der sittlichen Unzulänglichkeit, die ihm als Mensch zu eigen ist, nie richtig und vollkommen tun. Das Gesetz bringt ihm vielmehr sein Zurückbleiben hinter der vollen Forderung nur um so schärfer zum Bewußtsein. „Er fehlt gegen eine Forderung, und schon ist die- Harmonie zwischen Gott und ihm zerstört. Das Gesetz sagte: Du sollst, aber es verlieh dem willen noch keine Kraft, es stand wie ein strenger Bote über Sklaven, deutete zum Himmel, reichte aber keine Hand." Das Gesetz, so geht der Gedankengang im Christentum weiter, schadet nur, es bringt erst die Sünde hervor, gäbe es kein Gesetz, das fordert, so könnte man ja nie zu dem Bewußtsein kommen, eine Sünde begangen zu haben, indem man ein Verbot ausspricht, erweckt man die sündige Lust, gegen das Verbot zu handeln. Diese Gedankenreihen kommen an vielen Stellen des neuen Testaments zum Ausdruck, z. B. Römer % J5: „Das Gesetz richtet nur Zorn an, wo das Gesetz nicht ist, das ist auch keine Uebertretung," Römer 5, s3: „Denn die Sünde war wohl in der Welt bis auf das Gesetz, aber wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht," Römer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.