Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Mathilde Merthrim: Aas liberale Judentum uam Standpunkt des-Fair» ° * Ritter von der traurigen Gestalt, das sind diejenigen, welche dem Judentum innerlich nicht allein nicht freundlich, sondern im Gegenteil, feindselig gegenüberstehen, die es bedauern und beklagen, es als ein Unglück betrachten, im Judentum geboren zu sein und nur aus äußern Rücksichten, etwa aus Rücksicht auf Eltern und verwandte, die noch am Judentum hängen, oder um kein Aufsehen zu erregen, den jüdischen Namen mit Unwillen und Verdrossenheit trägen. Ls sind die jüdischen Antisemiten. Soll und kann das so bleiben? Ulan nennt das Schicksal unsrer Vorfahren tragisch. Tragisch, weil sie uni ihrer Religion willen so viel zu leiden hatten. Das war es aber nicht. Ihr Schicksal war zwar traurig, tief traurig, aber nicht tragisch. Sie haben alles ihrer Ueberzeugung wegen ausgehalten, ihre Ueberzeugung entschädigte sie für alles. Denn für seine Ueberzeugung, für das was ihm das Teuerste und Ls eiligste ist, gibt der bessere Mensch freiwillig und mutig alles hin. Aber keine Ueberzeugung haben, dem Judentum mit dem Kerzen nicht angehören, dem Judentum kalt und fremd gegenüberstehen, und dennoch um dieses Judentums willen Demütigungen, Zurücksetzungen und Anfeindungen ausgesetzt sein, das ist mehr als traurig, das ist ein innerer Konflikt, eine innere Zerrissenheit, ein innerer Zerfall, das ist tragisch. Glauben Sie nur ja nicht daß ich mit zu dunklen Farben male. Gewiß gibt es manche unter uns, die oberflächlich und gedankenlos genug sind, um sich zu sagen, es ist nicht so schlimm, es geht auch so. Bedenken Sie aber, daß jetzt ein Geschlecht unter uns heranwächst, das wir zu gebildeten und feinfühlenden Menschen erziehen. Die werden die tiefe Tragik der modernen, religionslosen Juden um so härter empfinden. Sollen wir es darauf ankommen lassen, daß unsere Rinder und Erckelkinder uns einst den Vorwurf machen, ihr habt uns zwar als Juden aufwachsen lassen, aber ohne Freude am Judentum. Ihr habt uns vom Judentum nur das gelassen, was uns Aergernis und Bitterkeit bereitet, aber uns das nicht vom Judentum nutgegeben, was uns innerlich entschädigt, befriedigt und versöhnt. Die liberale Bewegung, die tu den letzten Jahren mit Kraft eingesetzt hat, will und kann uns vor diesem Schicksal schützen, sie weist ebenso entschieden den religiösen Indifferentismus, die religiöse Haltlosigkeit zurück, wie die unfruchtbare, lebensunfähige Orthodoxie. Sie will das Judentum kräfügen und erneuern, ein Judentum, das ebenso mit unserer modernen Lebens- und Weltanschauung im Einklang steht, wie in den uralten prophetischen Lehren und Traditionen wurzelt. Sie will manches äußerliche und formelle am Judentum, was nur für eine bestimmte Zeit Geltung haben konnte, fahren lassen..Dafür aber den innern, ewigen, geistigen Kern und Gehalt des Judentums umso treuer und eifriger wahren und pflegen. In unserer Gemeinde ist für diese Bestrebung ein guter Boden bereitet. wir müssen uns nur auf uns selbst besinnen. wir müssen nur die Kräfte, die eine Zeitlang geschlummert, zu wecken verstehen, und das beabsichtigt die hier gebildete Ortsgruppe der liberalen Vereinigung. Die Ortsgruppe will an die Arbeit schreiten. In welcher weise und durch welche Mittel, das wird Ihnen sogleich durch die zur Verlesung gebrachte und zur Diskussion gestellten Leitsätze, mitgeteilt werden. Ich bitte Sie, treten Sie unserer Ortsgruppe bei, nehmen Sie teil an ihren Arbeiten, Sie,sind es schuldig sich selbst. Sie sind es schuldig Ihren Kindern, Sie sind es schuldig dem Judentum. Keiner dürfte sich ausschließen! Denn es gilt ein hohes Ideal zu verwirklichen, das Judentum vor seinem Untergange zu bewahren und es verjüngt und gestärkt befestigt und gestählt wieder zu neuem Leben zu erwecken. Darum auf: An die Arbeit!