Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Ar. Aienemann: Judentum u. Christentum in ihrer verschied. Stellung xurn Gesetz ° ° 7, 7 und 8: „Die Sünde erkannte ich nicht, ohne durchs Gesetz. Denn ich wußte nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: laß dich nicht gelüsten. Da nahm aber die Sünde Ursache am Gebot und erregte in mir allerlei Lust. Denn ohne das Gesetz war die Sünde tot." Was ist also nach christlicher Anschauung der Erfolg all der Gesetze, die mit der Thora einst als Gottes Offenbarung zu den Menschen kamen, an denen die Rabbinen mit heißem Bemühen gearbeitet haben? Nur der, daß die Menschen die Ohnmacht ihres Wesens um so schärfer empfinden und sich wie unter einer unerträglichen Last fühlen. Äber wenn das der mit Notwendigkeit vorauszusehendc Erfolg ist, wozu ward die Thora erst gegeben? Diese ganze Thora, ist die Antwort des Thristentums, hat eben gar keinen anderen Zweck gehabt als den, dem Menschen seine Schwachheit so recht deutlich zum Bewußtsein zu führen, von Anfang an sei es der Heilsplan Gottes gewesen, daß an der Hand des Gesetzes die Menschen sehen sollten, daß sie von sich aus nichts sind. Denn nur so konnten sie zu der Ueberzeugung geführt werden, daß nicht das Gesetz, sondern die Gnade die endliche Meinung Gottes sei, daß es kein anderes gibt, als durch den Glauben an Christus die Gewißheit der Gottesgemeinschaft zu erlangen. Das Gesetz ist also nach christlicher Anschauung nur das Mittel, um in dem Menschen die Sehnsucht nach der allein wirksamen Erlösung emporkeimen zu lassen, in diesem Sinne gilt das Judentum als die Vorbereitung auf das Christentum. Zm Judentum, so ist die landläufige christliche Darstellung, der Gott des Zornes, weil nämlich auf die Uebertretung eines Gesetzes Strafe folgt, im Christentum der Gott der Gnade, das Judentum, — das Gesetz, zwar auch Gottes Offenbarung, aber nur eine niedere Stufe, das Evangelium — die Gnade, die höhere Stufe. Diese Auffassung zieht sich durch alle Phasen des Christentums hindurch, und auch dort, wo man vom alten Dogma sich freigemacht hat, fa dort wird es noch schärfer betont, um dem Vorwurf der Annäherung an jüdische Gedankenkreise zu entgehen: „Das Gesetz ist der Fluch". Der Mensch soll sich nicht einbilden, daß er jemals sich heiligen könne, wenn er Forderungen Gottes vor sich hinstellt, um nach ihnen zu leben, er soll nur ein Gefühl kennen, sich ganz auf die Gnade verlassen, die allein den Menschen heiligen und emporziehen kann. Diese christliche Verurteilung des Gesetzes ist eine vollständige und durchgängige, es wird nicht etwa unterschieden zwischen wichtigen und unwichtigen, zwischen kultischen und sittlichen Gesetzen. Auch das Sittengesetz wirkte, als Gesetz erfaßt, wie ein Fluch. Ls ist da im Grunde gar kein Unterschied, ob man sich Gott zu nähern glaubt, indem man sein Zeremonialgesetz erfüllt, oder indem man sein Sittengesetz beobachtet; solange man meint, fromm zu sein, indem man nach Gottes Forderung sucht, ist man im Wahne befangen. Zeremonial- oder Sittengesetz, beide sind sie für das christliche Bewußtsein „Werke", und für beide gilt es: „So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werk allein durch den Glauben." (Nöm. 3, 28.) Beide, Zeremonial- und Sittengesetz, erwecken nach christlicher Anschauung, die irrige Meinung, der Mensch könne sich aus eigener Uraft zu wertvollem Tun emporschwingen, während es doch in Wahrheit nur ein Ls eil geben dürfe, von allem Eigenen, das ja doch verderbt ist, abzusehen und sich ganz auf die Gnade und die Erlösung zu verlassen. So formt sich im christlichen Bewußtsein das Urteil, daß vom religiösen Standpunkt aus alles gesetzliche handeln minderwertig ist, und daß es in Wahrheit nur eine Form wirklicher Religion