Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Gstthard Deutsch: Der Glaube an Hobrlspane 227 behauptete, er hätte seinen blühen grüne Brillen aufgesetzt, und sie hätten Ljobelspäne für Gras gefressen. Viel schwieriger ist die Diskussion des rein gesetzlichen Teiles des Religionslebens. Die Rontroverfe vermeidet gewöhnlich das prinzipielle und begnügt sich mit emphatischer Betonung der Heiligkeit des Herkommens, spricht von der wunderbaren Erhaltung Israels durch sein Gesetz und liest den Gegnern die Leviten wegen ihrer ruchlosen Anschläge auf Israels Zukunft. Den eigenen Standpunkt definiert man in der Regel nicht. Einige rühmliche Ausnahmen sind die Frankfurter Israelitische Religionsgesellschaft, die ungarische orthodoxe Landesorganisation, Schomre bsadaß, Hitoeregylet, und die totgeborene „Union of Orthodox Jewish Tongregations of the United States and Tanada". Diese Körperschaften erklären, daß das mofaisch-rabbinische Gesetz, wie es im Schulchan Aruch kodifiziert ist, die Richtschnur ihres Verhaltens sein solle. Mit einer solchen Erklärung läßt sich schon diskutieren. Freilich wird man dann noch, immer die Frage aufwerfen, welche Glossatoren in den Schulchan Aruch einzubeziehen sind. Daß der ursprüngliche Text der Ausgabe von 1(56^ darunter nicht zu verstehen setz liegt auf der Hand, da die Praxis der aschkenasischen Juden, also der weitaus großen Mehrzahl der heutigen Iudenheit, nicht auf diesem Text, sondern auf den Noten des ersten Glossators, Moses Isserls beruht. Für den Renner rabbinischer Praxis ist ein Beweis für diese Behauptung ganz überflüssig, doch seien zur Abwehr eines etwaigen Vorwurfes der Subjektivität zwei -anerkannte rabbinische Autoritäten der jüngsten Vergangenheit zitiert. Eleazar Fleckeles, stellvertretender Oberrabbiner in Prag (^75H Ris \826) sagt: „Wir Juden Deutschlands nnd Polens haben uns und unsere Nachkommren auf ewige Zeiten den Entscheidungen Moses Isserls' unterworfen, denn Moses ist Wahrheit und seine Lehre ist Wahrheit, und davon weiche nicht um Haaresbreite ab."H Ebenso sagt Moses Sofer, der Meister des Ralauers, zur Begründung der Entscheidung, daß Trauungen unter freiem Himmel stattsinden müssen: „Moses Ifferls' Entscheidungen sind für ganz Israel Gesetz."^) Da-; bei lasse ich es bewenden, obwohl es mir leicht wäre zu beweisen, daß man nach der Ansicht hervorragender Autoren sich über keinen angesehenen Lehrer hinwegsetzen dürfe?) Ich h Resp., III, Nr. 320. Prag, 1820. 5) Kol Israeljozei'm bejad Rema, Resp. Eben Ha-Eser, II, 99. 6) Lipmann Heller (1577—1654), der durch Heine berühmt gewordene Tausfes Jontef, der im großen Ganzen zu den freier gerichteten Geistern gehört (Weiß: Jüd. Tradition, III, 218),. sagt, es sei selbstverständlich, daß die Rabbinen eines jeden Zeitalters höher stehen, als ihre Nachfolger, und daß deshalb ihre Entscheidungen nicht abrogiert werden können. (Edujot, 5, 1). Sein Zeitgenosse und Amtsnachfolger in Nikolsburg, Mendel Krochmal, gest. 1661, sagt in einem Falle: „Wenn ich theoretisch anderer Ansicht bin, habe ich doch kein Recht, eine Entscheidung zu treffen, die gegen die der Heiligen vergangener Tage streitet." (Zemach Zedek, Nr. 6) Josef Caro, der Autor des Schulchan Aruch, (1498 bis 1575) tadelt seinen Vorgänger Jakob ben Ascher, weil er seinen älteren Zeitgenossen Salomon ibn Adret eines Irrtums zeiht, „was man nicht denken darf von einem Manne, dem alle Pfade des Himmels bekannt waren". (Azulai, s. v. Ramban, wo noch andere ähnliche Beispiele zitiert sind.) Ganz besonders lehrreich ist die Bemerkung Judah Lubetzkis (1850—1910), Rabbiner der polnisch-russischen Gemeinde in Paris, der sich darüber entrüstet, daß M. Horovitz (Frankfurter Rabbiner, III, 67) sich aus die Seite seiner Vorgänger stellt, die einen im Jahre 1766 in Cleve ausgestellten Scheidebrief für ungiltig erklärten, und damit die Unfehlbarkeit des Rabbiners Israel Lipschütz und seiner Parteigenossen anzweifelten, „denn wer das tut, zweifelt an Gottes Weisheit". (Bidke Bottim, Paris, 1896, S. 44, b). Dieser modernen Fassung, des Heine'schen: „Der Tausfes Jontef, Gott, das bist du selber", hätte ich nichts mehr hinzuzufügen. Nur einen Kronzeugen kann ich mir nicht versagen, Hillel Lichtenstein (1815—1891), den geschworenen Feind der Neu-Or-