Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Gotthard Deutsch: Der Glaube an Hobelspäne Diese technischen Fragen lassen sich im Rahmen eines Artikels nicht gut behandeln. Ich will jedoch, um dem Vorwurfe zu begegnen, daß ich allgemeine unbewiesene Behauptungen aufstelle, ein Beispiel zitieren. Rabbiner Dr. Bondi aus Mainz versucht es im Frankfurter Jahrbuch, VI, 1909, 37^ bis UH die widersprechenden Nachrichten des Talmud über den Hohepriester Iohanan auszugleichen, der gewöhnlich — und fügen wir hinzu richtig — mit Johann Hyrkan identifiziert wird. Nun wird aber von diesem Iochanan behauptet, er sei, nachdem^ er 80 Jahre seines Amtes gewaltet hatte, zu den Saduzäern übergetreten (Berakot, 29, a), was nicht nur Iosexhus widerspricht, sondern auch sonst fast unmöglich ist. Bondi belehrt uns triumphierend, daß es „erst Isaak Halevx» beschieden war, uns den Schlüssel zur Lösung dieser schwierigen Frage in die Hand zu geben." Der Iohanan, der hier genannt ist, sei mit Gnias, dem Sohne Simon des Gerechten identisch. Dieser Gnias ist auch der Vater Mattatiahs, der im Gebetbuche als Hohepriester bezeichnet wird, obwohl die Geschichte nichts von ihm weiß. Daß diese Differenzierungen und Identifizierungen rein willkürliche Annahmen sind, um die Unfehlbarkeit des Talmuds und des Gebetbuches zu retten, stört glaubensstarke Geister nicht. Daß an Hunderten von Stellen im Talmud historische Ungeheuerlichkeiten erzählt sind, wie daß rus, Darius und Artaxerxes drei verschiedene Namen für dieselbe Person seien (Rosch Haschanah, 3, d), daß Alexander der Große die Iudengemeinde von Alexandrien vernichtet habe, (Sukkah, 5s, b), daß Antoninus Pius einen geheimen Gang von seinem Hause — offenbar dem Kapitol — nach! dem Hause Iehudah Hanassis in Tiberias angelegt hatte und ihn täglich besuchte (Abodah Zarah, 10, b);2) alles das geniert die starkgläubigen 2) Ich bedauere, daß ein so tüchtiger Gelehrter, wie Samuel Krauß (Antoninus und Rabbi, S. 47 Geister nicht. Vor 3H0 Jahren hat Azariah dei Rossi bereits die These aufgestellt, daß die talmudischen Geschichtsangaben ebensowenig wie die wissenschaftlichen Anschauungen der Rabbinen Autorität beanspruchen können (Meor Lnasim, ed. Benjakob, I, 5. 138, U)ilna, 1863). Für den Vatikan in Frankfurt a. M. hat er nicht existiert, und es wäre gar nicht verwunderlich, wenn man dem Beispiele des „hohen Rabbi Loew" folgend, dei Rossis Werk auf dem Scheiterhaufen verbrennen oder auf den Index setzen würde. Niemand scheint zu bemerken, daß der einzig richtige weg für die talmudische Geschichtsforschung ein Hinausgehen über Graetz und Weiß ist, daß z: B. die Angaben von den Ehren, welche der Perserkönig Rab Asche erwies (Zebahim, 19, a; weiß: Gesch. d. jüd. Tradition, III, 208) wohl auf eine Stufe mit den modernen Geschichten zu setzen sind, welche erzählen, daß Lzar Paul sich incognito in die Zelle des wunderrabbi Schneor Salman aus Liadi begeben habe, als der Letztere in St. Petersburg gefangen saß, um ihn über wichtige Staatsangelegenheiten zu befragen/) man sieht die Aehnlichkeit mit der Geschichte von Antoninus. Ebenso wird erzählt, daß Napoleon sich von Wilna nach Wolozhin begeben habe, um Rabbi Thajim, das Oberhaupt der dortigen Ieschibah, über die Aussichten seines Feldzuges zu konsultieren. Diese Analogien, welche ich zu Dutzenden aufzählen könnte, werden natürlich in der Kurie von Frankfurt nicht ins Gewicht fallen. Man zieht es vor, an Hobelspäne zu glauben, wie Gerstäcker in einer seiner deutsch-amerikanischen Geschichten von einem Münchhausen in Arkansas erzählt, der bis 49, Wien, 1910) den geheimen Gang in Höhlen und Forts verwandelt, an denen sein Antoninus unbemerkt vorübergehen konnte. Ich glaube, es war David Friedrich Strauß, der von H. E. G. Paulus sagte, er habe die Wunder Jesu in Wunder der Exegese verwandelt. 3) Heilman: Beth Rabbi, Berdyczew, 1903, S. 58.