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Liberales Judentum · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 63 (sequence 15)
Language
German
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o o o o Ar. Seligwann: Aas neue Frankfurter Gebrtkuch 63 den Rabbiner mit den Funktionen bei diesem neuen Gottesdienst zu betrauen. Das ist aber doch nur dann möglich, wenn der neue Gottesdienst sich nicht als prinzipielle Abweichung von dem positiv-historischen Judentum, auf dem der Gottesdienst der haupts-snagoge aufgebant ist, repräsentiert. Line solche Abweichung wäre die Abschaffung des zweiten Neujahrstages; und eine Synagoge, die nur einen Tag Neujahr feierte, stellte sich auf einen vom ganzen historischen Judentums abweichenden Standpunkt. So wäre auch die Pause am versöhnungstage eine den historischen Charakter des Versöhnungstages verwischende Abweichung von der überall sonst gebräuchlichen Jomkippurfeier. Auch Abraham Geiger spricht sich von diesem Gesichtspunkt aus entschieden gegen die Pause am versöhnungsfeste aus, indem er sagt: „Die Bedeutung des Tages würde sehr verlieren, wenn das Gotteshaus bloß zu gewissen Stunden des Tages seine Pforten öffnete; es bleibt ja dem Einzelnen immerhin überlassen, sich selbst solche Nuhepunkte zu wählen". (N. Schr. I p. 22%) vor allem aber würde ein Gottesdienst, in welchem das hebräische Element so weit zurückgedrängt ist, daß der historische Charakter des jüdischen Gottesdienstes verloren geht, — trotz der vorn Standpunkt der Tradition gesetzlichen Berechtigung — den Eindruck einer so weitgehenden Abweichung Hervorrufen, daß er nicht mehr als auf historischem Standpunkt stehend angesehen werden dürfte. Für die Berechtigung dieser größtenteils rein praktischen Gesichtspunkte lassen sich als klassische Zeugen die hervorragendsten Vertreter des liberalen Judentums anführen. Es feien hier nur die Vota der für Frankfurt a. AI. vorwiegend in Betracht kommenden Jost, Stein, Jakob Auerbach, Geiger, sowie als Vertreter der radikalsten Reform Samuel holdheim erwähnt. Bei den großen Debatten der Frankfurter Rabbinerversammlung im Jahre \8^5 über die gottesdienstlichen Reformen, insbesondere über die Beibehaltung oder Nichtbeibehaltung der hebräischen Gebetsprache äußert sich J o st (Prot. x. 55 kt): „wäre jetzt eine ganz neue Kirche zu begründen, zur Befriedigung von einer ganzen Anzahl von Individuen oder einer ganzen Gemeinde, die den historischen Boden verlassen will, um den gegenwärtigen Anforderungen an Erbauungsmitteln zu entsprechen, so würde niemand einer fremden, und noch dazu erstorbenen Sprache das Wort reden. Aber wir haben hier nicht für Gebet, Erbauung und Belehrung allein zu sorgen, sondern wir reden von dem historisch bestehenden öffentlichen Gottesdienst. Dieser hat nicht bloß die Bestimmung, daß die Individuen beten, sich erbauen und belehrt werden, denn alles dies ist von jeher weder an Mrt noch an Sprache . . . gebunden. Der Gottesdienst ist zugleich ein Softem der jüdischen Gottesverehrung, wie solches in der Zerstreuung ganz Israel als Religionsgenossenschaft einheitlich umfaßt." Und an einer weiteren Stelle: „Die hebräische Sprache hat als Gegenstand der weihe und als bereits seit Jahrtausenden bestehend, so tiefe Wurzeln im Volke, daß ihre Entfernung die Grundfesten des öffentlichen israelitischen Gottesdienstes erschüttern muß." Stein sagt in seinem Resumö als Präsident der Versammlung (p. 52): „Das hebräische hat beim Gebet dem Raum nach als Band mit allen unseren Brüdern auf der Erde, der Zeit nach als Band mit unserer erhabenen Vergangenheit für uns eine doppelt tiefe religiöse Bedeutung." Jakob Auerbach (p. ^6ff): „Ls ist hier der Nerv der Zeitfragen berührt, und man greift damit in's Herz des Judentums... Den Faden der Entwicklung haben wir festzuhalten . . . wenn wir nicht das Prinzip des Judentums aufgeben wollen; wir müssen in näherer Verbindung mit den heiligen Büchern bleiben, die Kenntnis derselben in der Ursprache unter uns erhalten, um diese Sprache, nebst ihrer höheren Bedeutung für uns zu erkennen. Auch in unserer Zeit kann und soll daher die Kenntnis der hebräischen Sprache durch die Schulen befördert werden. Ls ist nun aber auch noch die vorliegende Frage von seiten des Gottesdienstes zu erörtern." hier macht der Redner in längerer Ausführung einen Unterschied zwischen stationären und wandelbaren Elementen des Gottesdienstes und meint, das hebräische müsse das stationäre Element bilden. Das Stationäre habe nicht die eigentliche Erbauung und Andacht als

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