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Liberales Judentum · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 34

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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34 Joseph Arrfseesser : Liberales «nd soziales Judentum o o o o weder für die Verhältnisse und Anschauungen einer'fernliegenden Zeit oder von weltfremden Gelehrten geschaffen wurden, welche in der Entsagung von Lebensgenuß ein gottgefälliges Werk zu erblicken glaubten. Askese und recht häufige unter recht schweren Bedingungen geübte Gebetsübung galten als Gipfel der Frömmigkeit, öeute stehen wir auf dem Standpunkt, daß die Erschwerung, oder gar die Verneinung des Lebensgenusses weder ein gottgefälliges Werk ist, noch daß derjenige, der sich sein Leben durch behaglichen Lebensgenuß zu verschönern sucht, darum kein guter Jude sei. .Der Begriff der „Frömmigkeit" ist heute ein anderer geworden. So sagt Dr. Max Freudenthal in einem Aufsatz über „Frömmigkeit" in der Monatsschrift für liberaels Judentum: „Die religiöse Dienstleistung soll nicht nur für die einzelne Persönlichkeit, welche sie ausübt sein, sie soll vielmehr der Gemeinschaft, der Gesamtheit zu gute kommen, die religiöse Betätigung soll eine sozial gewandte sein.! Die Frömmigkeit ist nicht geschwunden, die Art ihrer Bekundung ist nur eine andere geworden. Sagt doch die heilige Schrift selbst: „Fromm ist derjenige, der Gott in seinem Kerzen fürchtet und mit seinen fänden Gutes tut." Ich möchte insofern nicht mißverstanden sein, als ich nicht etwa den Wert der Gebetsübung hiedurch schmälern oder verneinen möchte. Im Gegenteil, ich darf es als eine bekannte Tatsache hier erwähnen, daß in den liberalen Gemeinden alles geschieht, um den Gottesdienst zu verschönern und denselben würdig auszugestalten. Die Art der Religionsübung und der Gottesdienstbeteiligung ist eben infolge der geschäftlichen und sozialen Verhältnisse heute eine völlig andere, als früher geworden. Vor vielen Jahren, als die Juden noch meist auf dem Lande und in der Kleinstadt wohnten, da war das ganze jüdische Leben auf strenge Innehaltung der Sabbate und Feftstage zugeschnitten. Nicht nur die Sabbatruhe, sondern eine Menge anderer Sitten und Gebräuche, die mit der Religion in fast gar keinem Zusammenhänge standen, wurde nach alter Vätersitte strengstens innegehalten, oft unter Entbehrungen und Entsagungen, unter Dxfern an Kraft, Gesundheit und Behaglichkeit, wie dies auf orthodoxer Seite heute noch geschieht.. Alle Achtung zollen wir allen denjenigen, welche für ihren Glauben Opfer bringen und dabei sich manche Entsagung auferlegen, vorausgesetzt, daß dies aus innerster Ueberzeugung geschieht, wir müssen es jedoch verneinen, daß diese Aeußerlichkeiten und Erschwernisse das Wesen der Religion, das Wesen des Judentums bilden. Aber nachdem wir losgelöst von Erschwerungen ritueller und zeremonieller Art, in behaglichem Daseins- und Gegenwartsgenuß, darauf Anspruch machen, wahre und gute Juden zu sein und an der Fortentwicklung des Gesamtjudentums Anteil zu haben, ist es unbedingt Notwendigkeit, daß wir neue wertvollere Pflichten auf uns nehmen. Und damit komme ich auf den Kern dessen, was ich sagen möchte. Das liberale Judentum bietet für alle diejenigen, welche die alten Sitten und Gebräuche nicht mehr kennen, oder die sich vielfach davon unbefriedigt, oder gar abgestoßen fühlen, eine reiche Ouelle von Pflichten, um die Zugehörigkeit zum Judentum zu dokumentieren; eine Betätigung, die in Liebe und Fürsorge für die Nebenmenschen besteht, in der Fürsorge für Arme, Kranke, Hilf- und Heimatlose. Heißt es doch schon im Talmud: „Almosen geben und Wohltätigkeit wiegen alle Gebote der heiligen Schrift auf." Dieses schöne Wort ist der beste Fingerzeig für alle diejenigen, welche am sozialen Hilfswerk mit arbeiten wollen, ob orthodox ob liberal, in der Betätigung der sozialen Aufgaben kennt das Judentum keine Schranke zwischen den Parteien. Erfreulicher Weise bildet die Wohltätigkeit einen neutralen

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