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Liberales Judentum · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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o o o o Joseph Aufjerffrr: Liberales und soziales Judentum 35 Boden, auf welchem die beiden Parteien sich die Hände reichen, sie bildet eine Plattform, auf welcher Streit und Hader verstummen. Doch möchte ich mit Genugtuung hier konstatieren, daß Männer, die so Großes und Gewaltiges auf dem Gebiete der sozialen Wohlfahrtspflege geleistet haben, wie Charles Hallgarten, Ronsul Moriz Simon, Dr. James Simon, Dr. Paul Nathan, Eduard Cohen, Julius plotke und nicht zuletzt unser Justizrat Bernhard Breslauer aus dem liberalen Lager hervorgegangen sind. Unsere heutige Zeit ist so stolz auf unsere großen sozialpolitischen Errungenschaften und übersieht dabei vollständig, daß das jüdische Volk schon vor Jahrtausenden die soziale Hilfs- und Fürsorgetätigkeit gelehrt und ausgeübt hat. Es verlohnt sich eine kurze Rückschau zu halten, was in dieser schlichten Rullurwelt schon vor Jahrtausenden geleistet worden ist, dann werden wir erst einen Begriff bekommen, was unserer heutigen Generation für Pflichten Vorbehalten sind. Unsere große heilige Literatur, Thora, die Schriften der Propheten, der Talmud, sie atmen den Geist des Wohltuens von Anfang bis zu Ende. War doch Mose's erste Helden- und Großtat die soziale Befreiung seines Volkes, welche er vollbrachte, lange bevor er diesem die religiöse Botschaft verkündete. Man wird das Wesen dieses gewaltigen Mannes desto besser verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die erste und ursprünglichste Triebfeder zu seinem Lebenswerk das Mitleid mit den Unterdrückten war. Moses, der als Prinz am Hofe im Wohlleben erzogen war, in ihm erweckte das Mitleid mit den in der Sklaverei schmachtenden Brüdern Liebe, Begeisterung und Tatendrang und befähigte ihn Zum Führen 'und Befreier. Und späteren ging durch jede Botschaft, die er dem Volke verkündete, ein Zug des Mitleides, ein Zug der Fürsorge zu Gunsten der Armen, der Witwen und Waisen, der Bedrückten und Entrechteten. Den zehnten Teil des Ertrages mußten die Isrealiten den Armen spenden, gewiß eine weit höhere Leistung, als die meisten von uns heute für soziale und kulturelle Zwecke aufbringen. Der Landmann durfte sein Feld nicht vollständig abmähen und mußte die Ecken für die Armen übrig lassen. Alle sieben Jahre gehörte der Ertrag des Feldes den Witwen und Waisen. Alle fünfzig Jahre mußten Felder und wiesen dem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden, um einer Verarmung des Einzelnen vorzubeugen. Dem Sklaven mußte nach 6 Jahren die Freiheit zurückgegeben werden, und der Jude durfte weder Zinsen nehmen, noch den Fremdling bedrücken und ausbeuten. Wohltaten zu erweisen galt als etwas ganz selbstverständliches, jeder Einzelne erblickte dies als eine moralische und.religiöse Verpflichtung, und der Arme hatte nach damaligen Zeitbegriffen ein Recht auf Unterstützungen. Charakteristisch für die bei den Juden in Fleisch und Blut übergegangene wohltätige Gesinnung ist der Begriff „Zedoko", ein Wort, das ursprünglich „Frömmigkeit" auch „Gerechtigkeit" bedeutete, das aber im Laufe der Zeiten in den Begriff der „Wohltätigkeit" umgewandelt wurde. Aus den Sprüchen Salomon's stammt daher der Spruch: „Der Hilfsbedürftige hat ein Recht auf Unterstützung, versage nicht die Wohltat denen, welchen sie gebührt, wenn es in deiner Macht steht, sie zu erfüllen." Und als nach der Zerstörung des Tempels die Schüler des Rabbi Jochanan ben Sakkai über den Verlust des Tempels und des Opferaltars klagten, rief ihnen der Meister tröstend zu: „Betrübt euch nicht, noch bleibt uns eine Opferstätte, die der vernichteten gleich ist, sie heißt „Wohltaten", denn es steht geschrieben: „Liebe verlange ich und keine Opfer".' Ich führe gerne diese Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit auf, nicht nur weil

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