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Liberales Judentum · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 33

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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o o o o Joseph Kufseesser: Liberales und soziales Judentum 33 Liberales uncl soziales Iuäentum. Von lolepk 5lukseesser-llürnberg. (Vortrag, gehalten im „Verein für die liberalen Interessen des Judentums".) ZH. D. ,u. „Liberales Judentum", in dem Kreise in dem wir uns befinden ist es wohl unnötig und überflüssig Mesen und Bedeutung, Zwecke und Ziele desselben zu erklären und zu erläutern. Ist doch in Nürnberg, das dürfen wir ohne Unbescheidenheit, ja sogar mit einem gewissen Stolze behaupten, mit die beste Pflanzstätte und mit der beste Nährboden für das Gedeihen der neuen Lehre. Wohl jn keiner deutschen Stadt, das hat auch Dr. vogelstein wiederholt erklärt, hat das Liberale Judentum so volles Verständnis, so viele treue Freunde gefunden, als gerade hier, wo der Boden dadurch günstig vorbereitet war, daß die jüdischen Kultus- und Mohlfahrtseinrichtungen schon seit Jahrzehnten in fortschrittlichem Geiste geschaffen und gehandhabt wurden. Aber nicht nur in Nürnberg, in ganz Deutschland, ja auf der ganzen Erde, wo Kulturvölker wohnen, hat der Fortschritt auf allen Gebieten mächtig an die alten Tore und Mauern gepocht, hat der Fortschritt Menschen und Menschengeist aufgerüttelt und zu großen Taten befähigt. Es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen die gewaltigen Fortschritte der Technik, die wir selbst bewundernd und begeistert mit erlebt haben, zu schildern, ich erwähne sie nur, weil der Höhenflug, diese letzte und größte Errungenschaft der Technik in übertragenem Sinne auf allen Gebieten des menschlichen Denkens und Forschens Platz gegriffen hat. In allen Missenschäften ein gewaltiges Streben und Ringen großer und freier Geisteskoryphäen. Ich erinnere nur an den evangelischen Pfarrer Iatho -in Köln, dessen Auftreten einen gewaltigen Sturm nicht nur in der protestantischen Geistlichkeit, sondern in weiteren Kreisen des deutschen Volkes hervorgerufen hat. Menn in allen Disziplinen sich ein neuer freier Geist mit lebhaften pulsen regt, ein Geist, der Verständnis atmet für unser heutiges Leben und für unsere heutigen Empfindungen, so darf die Lehre des Judentums, trotz dessen vieltausendjähriger, glorreicher Vergangenheit, trotz dessen an sich eigentlich konservativen Tharakters, erst recht nicht stehen bleiben. Freuen wir uns, daß Leben und Fortschritt durch das liberale' Judentum sich in Missenschaft und Praxis zusammengefunden und sich zusammen betätigt haben. Das liberale Judentum will, trotzdem .ihm Lehre und MissenschafL als Stütze und Führer dienen, seine Bekenner zu eigenem Nachdenken erziehen, zur stillen Einkehr in Herz und Gemüt, um da zu ergründen, was Menschenbrust bewegt und Menschenherz erhebt. Des Herzens Stimme sagt mehr, als vergilbte Pergamente und Gesetzesfolianten zu künden vermögen. Sagt doch unser größter Dichter Goethe vor mehr als (00 Jahren: „Es erben sich Gesetz und Rechte, wie eine ewige Krankheit fort." Mie wunderbar paßt dies auf die Bestrebungen des liberalen Judentums, welches sich bemüht, das Kranke, das Abgestorbene und Ueberlebte zu beseitigen, um das Gesunde und Lwigdauernde der jüdischen Gesetzgebung desto lebensfähiger zu erhalten. Die Moral-'und Sittenlehren eines Moses, des größten Gesetzgebers aller Zeiten, welcher das Mort: „L iebe deinenNächstenwie dich selb st" an die Spitze stellt, bleiben ewige Mahrheiten und bilden das Rückgrat der Gesetzgebung aller Völker und aller Länder. Dagegen gibt es eine Menge alter Vorschriften und Gebräuche im Judentum, welche nicht mehr für die heutige Zeit passen, Gesetze, welche mit Moral und Ethik nichts zu tun haben. Es sind Vorschriften, welche ent-

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