Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Prof. PMippfsn: Usch einmal Nabbinrrnerfammlnngen und Synoden 29 zwar als radikal liberaler Theologe schreibt. Ich dagegen urteile lediglich als Historiker, der gehalten ist, streng objektiv zu verfahren, ohne Rücksicht auf persönliche Gefühle und wünsche. Und als solcher muß ich meine wohl und reiflich erwogene Meinung über die erwähnten Versammlungen auch nach den Ausführungen des Herrn Dr. Freudenthal voll aufrecht erhalten. Ich lasse mich dabei auch keineswegs, wie der verehrte Herr es voraussetzt, durch das Beispiel meines Vaters leiten. Denn ich bezeichne das Lanze Unternehmen der Rabbinerversammlungen als ein von vornherein verfehltes, das unmöglich zum Ziele führen konnte, während mein Vater anders gedacht hat, da er ja der hauptsächlichste Veranlasser dieser Versammlungen gewesen ist. Sie waren von vornherein verfehlt und unmöglich, da ihr Ziel, daß sie alle den Verschiedensten Ansichten huldigenden Rabbiner vereinigen sollten, daß, wie Ludwig s)hilippson es ausdrückte „keine Meinungsverschiedenheit, keine Nüancierung allein repräsentiert oder ausgeschlossen werden dürfe" — der Natur der Sache nach nicht zu erreichen war. Die Orthodoxen, die der im Talmud niedergelegten mündlichen Ueberlieferung die gleiche göttliche Eingebung beilegten wie der Thora,- konnten sich auf Erörterungen über eine Reform jener Ueberlieferung nicht einlassen. Sie schieden also vom Beginn an aus. Diejenigen aber, die eine solche Reform für möglich und wünschenswert hielten, wichen in ihren Anschauungen viel zu sehr von einander ab, um zu einheitlichen Beschlüssen zu kommen. Die Meinungen innerhalb dieses Kreises, von Zacharias Frankel bis zu Holdheim, waren dazu nicht genügend geklärt. Möglich, daß es heute darum besser steht; ich wage es nicht zu entscheiden. Das Neberwiegen des radikalen Elementes auf den Rabbinerversammlungen, hat vollends die allgemeine Beachtung ihrer Beschlüsse unmöglich gemacht. Vielmehr hat dieses Ergebnis die Untunlichkeit einer Vereinigung aller Israeliten auf einem gemeinsamen Boden des religiösen Lebens auf das schärfste erwiesen, mit einer früher kaum bewußten Deutlichkeit. Das sind Tatsachen, gegen die keine Gefühle oder wünsche aufkommen. Etwas anders verhält es sich mit der Synodalbewegung. Von der Beteiligung des Laienelementes und zumal der- Gemeindebehörden ausgehend, hätte sie wirklich zu praktischen Ergebnissen führen können — allerdings nur innerhalb der liberal gesinnten Kreise — ohne,die praktische Unfähigkeit derjenigen Männer, die sich ihrer Leitung bemächtigt und damit eine große Verantwortung auf sich geladen haben. Ich betone dies in meinem Buche ausdrücklich, besinde mich hier also auf keinem von dem des Herrn Freudenthal grundsätzlich verschiedenen: Standpunkte. Aber eine allgemeine, das ganze Judentum umfassende Geltung, vermochten auch die Synoden nicht zu erlangen, aus dem Grunde, den ich oben bei den Rabbinerversammlungen angeführt habe. Herr Freudenthal bekämpft hierbei meinen Ausspruch: daß die Juden der Gegenwart in allen religiösen und kultuellen Fragen volle Selbständigkeit bewahren, sich darin keiner höheren Autorität, nicht einmal einer selbstgewählten, unterwerfen wollen. Er meint, eine Religion, die sich keinerlei höheren Autorität unterordne, sei keine mehr. Ja, eine solche Autorität erkennen alle Juden an, aber es ist eine aus der fernen Vergangenheit unserer Gemeinschaft überlieferte: die Bibel. Damit kann eine Religion wohl auskommen. Aber eine andere, neuere wird von der Iudenheit als Ganzem tatsächlich zurückgewiesen. — Das wird von allen denjenigen, die derenmoderne Entwicklung mit-