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Liberales Judentum · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 30

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 Irldürrs: Judentum und Fortschritt c, © c o gemacht oder nur aufmerksam verfolgt haben, zweifellos anerkannt werden. Die Erfahrung im großen und im kleinen hat das hinlänglich erwiesen. Herr Dr. Freudenthal selber muß das, -freilich mittelbar, anerkennen; denn er sagt von den Beschlüssen der Synoden ausdrücklich: „sie sollten nicht der Vergessenheit anheimfallen, seien vielmehr der Nachprüfung und Endentscheidung bedürftig und wert." Also tatsächlich sind sie der Vergessenheit anheimgefallen, werden nicht einmal der Nachprüfung und Endentscheidung gewürdigt. Mehr habe auch ich nicht behauptet. wo ist denn die von Herrn Freudenthal bejahte noch immer andauernde Wirksamkeit der Nabbinerversammlungen und Synoden? Reiner ihrer Beschlüsse ist irgendwo durchgeführt worden, selbst nicht von denjenigen, die sie gefaßt haben, oder die sie gegenwärtig gut heißen, wer von den liberalen Rabbinern beobachtet sie oder sucht sie in seiner Gemeinde durchzuführen? wann beruft man sich auf die Entscheidungen dieser Versammlungen? Die Antwort kann nur lauten: niemand, nirgends. Der verehrte Verfasser meint freilich, im Süllen wirkten sie doch nach. Das ist vielleicht bei Einzelnen geschichtlich interessierten Theologen der Fall. Aber auch deren Gesinnung und Bestrebungen werden von ihnen nicht wesentlich beeinflußt. Was den jüdischen Liberalismus, bei Laien und bei Geistlichen, beseelt, ist vielmehr die Gesamtheit der Anschauungen, die aus der ganzen reformistischen Richtung und Betätigung seit Mendelssohn bis auf die Gegenwart erwachsen sind und sich durch die Einflüsse der modernen Rultur und Wissenschaft immer neu ergänzen. Dieses erfüllt die große Mehrheit der Juden des Westens, dieses treibt, lenkt und begeistert sie. Aus solchem Boden erwächst ihnen die Rraft, die Religion der vier Jahrtausende mit ihrem Denken und Fühlen zu verschmelzen. Diese große Entwickelung würde ihre ganze Macht bewahren ohne jene Versammlungen, die, wohlgemeint und aus redlichem Streben hervorgegangen, keinen dauernden Nachhall bei der jüdischen Glaubensgenossenschaft gefunden haben und heute nur künstlich Bei einigen Gelehrten wieder belebt werden. Man kann das bedauern, und auch ich beklage es lebhaft. Darin stimme ich mit meinem geehrten Rritiker überein. Aber als gewissenhafter Historiker mußte ich dieses Ergebnis konstatieren und seine Gründe darlegen — ohne auf meine persönlichen Empfindungen Rücksicht zu nehmen. Judentum und fortfchrift. Von Judäus. as historische Judentum in seinen mannigfachen Wandlungen und Aeußerungen läßt sich nicht unter eine Formel bringen. Die Verschiedenartigkeit der sozialen und politischen Lage der Juden in den einzelnen Zeitabschnitten und Ländern, sowie dje Sonderartung der individuellen Anlagen und. Neigungen der einzelnen Glieder der jüdischen Gemeinschaft konnten nicht ohne Einwirkung auf die Auffassung vom Wesen des Judentums bleiben. Denn das Judentum ist kein starres Dogma, das außerhalb der Daseinserscheinungen steht; keine blutleere Abstraktion, die über den Zeitvorgängen schwebt. Es ist vielmehr eine sittliche Weltanschauung, die in den Seelentiefen begründet ist. Das natur- und weltabgewandte, in Zeiten politischer Drangsal und sozialen

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