Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Prof. Philippssn: Uoch einmal Rabbinervrrfommlungen nnd Synoden sident Seincke eröffnete, nachdem er von der predigt, der er selbst beigewohnt hatte, heimgekehrt war. Zn der Provinz j)osen, in Rosten, hat Wiener dann auch sein erstes Rabbineramt gefunden. Von dort wurde er nach Dppeln berufen, und hier hat er die Stätte seiner Lebenswirksamkeit erhalten. Er hat diese Gemeinde sich gebildet, in unermüdlicher, hingebungsvoller Tätigkeit, er hat sie gegen Widerstände und Hemmnisse für den Liberalismus gewonnen; sie wurde seine Gemeinde, die mit ihm verwachsen blieb, ein lebendiges Zeugnis inniger Gemeinschaft, aber auch ein Zeugnis für die positive, aufbauende Rraft des Liberalismus. Dreiundvierzig Jahre hat er hier gewirkt — gekämpft und schließlich gesiegt. Zur Hoheit Alter hat sein Wahrheitsdrang ihn noch einmal in erregte Tage hineingeführt. Er hatte die Reden veröffentlicht, die er der Erinnerung an die Heimgegangenen beiden Raiser gewidmet hatte, und eine Anmerkung beigefügt, in der er die Zeitungsnachricht bezweifelte, daß der Monarch Treitschke's Schrift über Raiser Friedrich entgegengenommen habe. Diese Bemerkung brachte ihm, der auch politisch den bestimmten Fortschritt vertrat, eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung. Es blieb bei der Anklage, denn das Gericht sprach ihn frei; und vor allem, fast jedermann stand auf seiner Seite. An einem Tage des Festes, an seinem achtzigsten Geburtstage, trat es noch einmal lebendig vor ihn, wie viele sich mit ihm verbunden wußten, wie ihn alle verehrten in seiner Gemeinde und auch in der Stadt, deren Ehrenbürger er damals geworden ist. Er hatte von sich, von seinem geraden, festen, eckigen Charakter nichts aufgegeben und war von sich nicht abgewichen; aber seine echte Frönunigkeit hatte alle Gegner überwunden; seine lautere, wahrheitsfrohe, kraftvolle und furchtlose Persönlichkeit wirkte noch eindringlicher als jedes Wort. Er hat sein Werk erfüllt und hat den j)latz geehrt, auf den er gestellt war. Er verdient es, in der Erinnerung fortzuleben, als ein Mann aus den kritischen Tagen, in denen das Neue begann, ein Mann, welcher wußte und handelte, ein Gelehrter und ein Rämxfer, ein Mann, der sich treu war und bis zum Martyrium bereit war, sich treu zu bleiben, ein Vorkämpfer des Zudentums und des Fortschritts. Hoch einmal Rabbineroerrammlungen und Synoden. Von Prof. Dr. Martin Philippion. n der Zanuar - Nummer dieser geschätzten Zeitschrift bestreitet t^err Rabbiner Dr. M a x F r e u d e n t h a l die Ansicht, die ich in meiner „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" über die Rabbinerversammlungen und Synoden des neunzehnten Jahrhunderts ausgesprochen habe. Ze höher ich die Autorität des verehrten Herrn Verfassers schätze, mn so mehr fühle ich mich, bei der Wichtigkeit des Gegenstandes, zu einer Antwort verpflichtet. Zunächst muß ich die Verschiedenheit des Standpunktes feststellen. Herr Dr. Freudenthal denkt und schreibt, nach seiner eigenen Aussage, als liberaler Theologe, der sich durch meine Beurteilung jener Versammlungen „'in einem seiner Lebensnerven auf das wesentlichste getroffen und unterbunden fühlt"; das ist auch der Standpunkt David philipsons, des Verfassers des von Herrn Dr. Freudenthal höchlichst belobten Buches Retorin-Novoinsnt in Judaism, der in diesem sonst verdienstvollen und lehrreichen Werke doch ausschließlich als liberaler, und