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Liberales Judentum · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 17

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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Dr. David Philipssn: Dir Rrfsrmbrwrguug iw Judentum 17 bedeutend wäre mit Judentum und dieses somit keinen platz unter den vom Staate anerkannten Religionen verdiente), und nicht nur den ungebildeten christlichen Kreisen, welche Juden und Judentum nur durch die Brille des Vorurteils betrachteten, sondern auch der großen Masse der Juden selbst. Die Einmischung der Regierung in innere jüdische Angelegenheiten zum Zwecke der Unterdrückung der Reformbewegung und die rückschrittlichen Ereignisse des Jahres ^8^7 und ber folgenden Jahre trugen das ihrige dazu bei. In jenen Tagen nun kam eine Anzahl junger Männer auf den richtigen Gedanken, daß nur von innen heraus eine Rettung erfolgen könne, daß Juden und Nichtjuden bekannt gemacht werden müßten mit dem, was das Judentum, feine Geschichte und seine Literatur in Wirklichkeit seien, und daß die neue Bewegung nur dann von Bestand sein würde, wenn man die Wissenschaft des Judentums zur Grundlage der Reform machte. Diese jungen Männer, einige fünfzig an der Zahl, gründeten unter der Führung von Leopold Zunz, Moses Moser und Eduard Gans (8(9 in Berlin den „Verein für Kultur und die Wissenschaft der Juden". Zwar konnte dieser Verein nur einen Teil seines ehrgeizigen Programms ausführen, welches die Gründung einer jüdischen Studienanstalt, die Errichtung einer großen jüdischen Bücherei und die Herausgabe einer Zeitschrift enthielt, die die Ergebnisse der Forschung auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur sammeln sollte.^ Zwar schlugen ferner die hohen Hoffnungen der Gründer in Enttäuschung und vorübergehende Verzweiflung um und endeten s82H mit der Auflösung des Vereins. Dennoch hatten jene Männer die richtige Note angeschlagen, und das Losungswort des „Kulturvereins": „Wissenschaft des Judentums" sollte das Motto der zweiten jüdischen Reformbewegung in Deutschland werden unter der Führerschaft von Geiger, Holdheim, Einhorn, Philippson, Stein, pirsch und den andern gelehrten Führern unter dem zweiten Geschlecht der Reformer. Zunz, der seine Laufbahn als Prediger in dem privaten Reformtempel von Jakob Herz Beer begonnen hatte, verwandte nach Schließung dieses Tempels durch die Regierung seine ganze Geisteskraft auf das Feld der Forschung.^) Lein erstes «5) Von dieser Zeitschrift ist nur ein einziger Band erschienen unter dem Titel: „Zeitschrift für die Wissenschatt des Judentums", Berlin 1823. 66j Seine Sporen als selbständiger Forscher hatte er sich bereits früher durch seine Studie über den roßen jüdischen Erklärer Raschi verdient, welche in er in der vorigen Anmerkung erwähnten Zeitschrift erschienen war. Seine erste Veröffentlichung war ein Aussatz über die rabbinische Literatur; Berlin 1818. großes literarisches werk war eine direkte Folge dieses Ereignisses. Die Schließung dieses Tempels war damit begründet worden, daß das Judentum seit dem Entstehen des Christentums nichts anderes als ein lebloses Ueberbleibsel, keine so neuen Schößlinge Hervorbringen köitne, wie predigten und Gebete in der Landessprache oder irgendwelche sonstigen Neuerungen, die eine Abweichung von dem herkömmlichen Brauche in sich schlössen?'') Zunz übernahm nun in seinem werke: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, historisch entwickelt",^) den versuch, die Verkehrtheit dieser Ansicht nachzuweisen. Die Sätze, die er aufstellte und nachwies, sagten aus, homiletische Vorträge, wie die Erklärung der heiligen Schrift und das predigen in der Landessprache, seien unter den Juden an vielen Orten zu den verschiedensten Zeiten üblich gewesen; der literarische Geist sei ununterbrochen tätig gewesen; das Judentum, weit entfernt davon, ein lebloses Ueberbleibsel zu sein, habe in jedem Zeitalter neue Schößlinge hervorgebracht; es sei mithin nachweislich kein Grund vorhanden, warum es dies nicht auch jetzt tun sollte.^) In diesem Buche wies Zunz nach,'") daß Niemand das Recht habe, „die Einführung neuer Gebet stücke zu wehren; seit der Epoche der großen Synagoge bis heute ist durch Soferim, Synhedrial-Autoritäten, Mischnalehrer, Emoras, Geonim, peitanim und Rabbinen, durch Dichter, Vorbeter, Gemeindehäupter, Kabbalisten ro. unaufhörlich der Gottesdienst bereichert worden."") 67; Ein interessanter Vorfall, der diese Stellungnahme der preußischen Behörden beleuchtet, fand noch im Jahre 1847 statt. In den Spalten der „Reform- Zeitung", welche A. Rebenstein lAaron Bernstein» für die Jnierissen der jüdischen Reformbewegung herausgab, wurde eine in einem jüdischen Gotteshause gehaltene Predigt in schmeichelhaften Ausdrücken besprochen. Der Zensor strich das Wort .Predigt" mit der Begründung, diese Bezeichnung sei „der christlichen Kirche eig-ntümlich und Vorbehalten". Siehe Allg. Z. d. Judentums, 57. Jahrgang (1894), S. 424: „Eine Reliquie aus der Zensurzeit"» es) Berlin 1832. 66) Ritter: Samuel Holdheim, S. 88, Berlin 1865. 7v) Siehe die interessante Aeußerung von Zunz über die Entstehung dieses Werkes in dem Aufsatz von Adolf Frankl-Grün: „Ein Besuch bei Leopold Zunz"; Allg. Z. d. Jud., 60. Jahrgang (1896), S. 487. 7t) Gottesdienstliche Vorträge, S. 492. (Die Zitate beziehen sich auf die nach dem Tode des Verfoss.rs im Aufträge der Zunz Stiftung von Dr.N. Brüll im Jahre 1892 herausgegebene, nach dem Handexemplar des Verfassers berichtigte, zweite Auflage. (Anmerkung des Uebersetzers.) (Fortsetzung folgt.)

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