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Liberales Judentum · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 16

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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1§ Ar. Auvid Philipfon: Air Rrformbrrvrgung rnr Indrntum Mission mit der Aufgabe betraut, eine annehmbare Lösung der Schwierigkeiten vorzuschlagen. Line Reihe Kompromisse wurde vorgeschlagen: Alan solle die Synagoge, die gerade ausgebeffert würde, so geräumig machen, daß sämtliche Juden der verschiedenen religiösen Richtungen in ihr platz hätten; man würde solchermaßen in Wirklichkeit zwei Synagogen unter einem Dache haben, die eine für die Orthodoxen und die andere für die Reformer. Lin anderer Vorschlag lautete, man solle an Sabbaten und Feiertagen zwei Gottesdienste abhalten, zuerst einen Gottesdienst nach traditioneller Art und dann einen solchen mit deutschen Gebeten und einer deutschen predigt. Der letztere Vorschlag fand den Beifall des Kultusministers. Die orthodoxe Partei indessen, die der Zuneigung des Königs sicher war, wurde bei diesem vorstellig. Sie fand denn auch ein geneigtes Ohr: Am 9- Dezember \823 gab der König eine Kabinetsordre heraus, welche verordnete, daß die Gottesdienste der Juden in Uebereinstimmung mit dem traditionellen Ritus und ohne die leiseste Neuerung in Sprache, Zeremonien, Gebeten oder Gesängen abzuhalten seien. Ueberhaupt war in jeder Beziehung eine entschiedene Reaktion eingetreten. Die hohen Hoffnungen, welche das Ldikt von ^8(2 in Preußen und ähnliche Lmanzipationserlaffe in andern deutschen Staaten erweckt hatten, waren durch die Lreigniffe nach dem Sturze Napoleons und dem wiener Kongreß wieder zerstört worden. In mehreren Teilen Deutschlands hatten die Juden wieder unter Beschimpfungen zu leiden, die an mittelalterliche Zeiten erinnerten; in den Straßen von Städten wie Frankfurt und Würzburg ertönte das Lsep-Hep-Geschrei. Dieser reaktionäre Geist machte sich auch in der Bewegung für religiöse Reform fühlbar. Das Jahr \823 ist noch durch eine Anzahl anderer beschränkender Erlasse, außer dem einen soeben schon erwähnten, gekennzeichnet. In einem Erlaß vom I Akärz jenes Jahres heißt es, die jüdische Religion sei nur geduldet, und ihre Bekenner besäßen keine geistlichen Beamten, und die in demselben Jahre herausgegebene allgemeine Gesetzgebung sür Preußen erklärte in ähnlicher weise, die jüdischen Rabbiner seien keine Iugendbildner und könnten nicht in demselben Sinne, wie christliche Geistliche, als religiöse Lehrer betrachtet werden, weil sie keinen kirchlichen Rang besäßen wie die christliche Geistlichkeit. Dieses Alles bedeutete einen vollständigen Sieg der orthodoxen Partei: Die Privattempel wurden geschloffen, jede Neuerung im Gottesdienst und das predigen in der Landes- «) Allg. Zeitung des Judentums, 6. Jahrg., €>. 393. Geiger: Geschichte der Juden in Berlin, S. 234. spräche wurden verboten, 63> Bemühungen m Sachen der Reform wurden für eine Reihe von Jahren in der Hauptstadt Preußens eingestellte In ihrer Kurzsichtigkeit bemerkten die Orthodoxen nicht, daß sie dem christlich-orthodoxen König geradezu in die Hand spielten. Dieser hatte Neuerungen im jüdischen Gottesdienst in der Erwägung verboten, daß mit der Entstehung des Lhristentums das Judentum aufgehört habe, eine lebendige Religion zu sein. Als ein toter Ast habe es sich durch die Jahrhunderte erhalten, und nur als solcher sollte es auch fortbestehen^ Die Einführung von Neuerungen gestatten, würde gleichbedeutend sein mit dem Zugeständnis, daß der jüdischen Religion noch etwas Leben innewohne. Der Sieg der orthodoxen Partei war' denn auch in der Tat teuer erkauft: In den unmittelbar darauf folgenden Jahren fanden Ueberlritte von Juden zum Lhristentum in großer Anzahl statt. Dies würde sicherlich zum Teil verhindert worden sein, hätte man nicht die- Reformbewegung im Keime erstickt.««) Der gebildete Jude fand die Synagoge reizlos und den Gottesdienst abstoßend; der Rabbinismus gehörte der Vergangenheit an. Dem Judentum ging der gebildete Jude völlig verloren, sei es nun durch vollständige Gleichgültigkeit, oder aber durch Ucbertritt zum Christentum. Dieser Zustand war ferner auch dadurch möglich geworden, daß die Juden von ihrer eigenen Vergangenheit und von den erhabenen Erzeugnissen des jüdischen Geistes in früheren Zeiten wenig oder gar keine Kenntnis hatten. Denn die große Alaffe selbst der sogenannten gebildeten Juden sah in dem Judentum nichts anderes als eine trockene Gesetzsammlung; es galt ihr als der Aufbewahrungsort für einige veraltete Gebräuche, welche mit dem neuen Geist, der die Welt angehaucht hatte, nicht länger übereinstimmten. Selbst die Reformer waren zu ihrer Tätigkeit nicht durch den Gedanken der jüdischen Entwickelung getrieben worden, sondern durch den künstlichen Beweggrund, den äußeren Ausdruck des Glaubens dem Verlangen nach Schönheit anzupaffen. Daß das Judentum eine geistige Entwickelung gehabt, und daß der jüdische Geist auch während der christlichen Jahrhunderte viele bemerkenswerte Erzeugnisse hervorgebracht hat, diese Tatsache war nicht nur der Regierung unbekannt, (welche, auf Grund der Auskunft eines jüdischen Spießbürgers, die Rabbiner verächtlich als „Kauscherwächter" gebrandmarkk hatte, als ob die Aufsicht über Speisen gleichst) Holdheim: Geschichte der Entwickelung und Entstehung der jüdischen Reformgemeinde in Berlin. Berlin, 1857, S. 17; Anmerkung. M) Samt er: Judentausen im 19. Jahrhundert, S. 30. Berlin 1906.

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