Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3126481-3126513-3126515--0735-3127523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1$ Sücherscharr GO OS Büdterfchau. Arr älteste christliche Katechismus und die jüdische Kropaganda-Fiteratur von Prof. Dr. G. Klein, Rabbiner in Stockholm. — Berlin \9°9- Georg Reimer. I und 273 5. 8°. €in hervorragendes Werk voll umfassender Gelehrsamkeit, voll neuer überraschender wissenschaftlicher Aufschlüsse, geistvoll und scharfsinnig, interessant und warmherzig und doch von philologischer Gründ- Lchkeit und Besonnenheit. Für das liberale Judentum zumal ist dieses Buch eine Schatzkammer und ein Wegweiser: den ältesten Katechismus des liberalen Judentums möchte ich es nennen. Dem bedeutsamen Nachweis ist das Werk gewidmet, daß von den ältesten biblischen Zeiten bis zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung des Christentums ein doppelter Strom das religiös-geistige Leben der Iudenheit durchzog, der universalistische und der partikularistische. Während die partikularistische Richtung von den Priestern vertreten war, waren die Propheten die Schöpfer und Verkünder der universalistischen Religion. Ihnen folgten die Weisen, deren Geistesrichtung wir die Weisheitsliteratur, besonders Hiob und Die Sprüche verdanken, Schriften, in denen des Kultus und Ritus, der Priester und Leviten mit keinem Worte gedacht wird. Ihre Nachfolger waren in der nachexilischen griechischen Zeit die alerandrinischen „Missionare des heiligen Gottes" und die palästinensischen Allegoriker und Agadisten. Im Wittelpunkte ihrer Verkündigung stand die Lehre von den Wegen Gottes. Die Wege Gottes sind Gerechtigkeit und Liebe; in Gottes Wegen wandeln, mit ihm eins werden, ist das Wesen der Religion, des Judentums. Diese Lehre wurde für die eingeweihten Kreise in den verborgenen Gottesnamen Ani wehu (ich und Gott sind eins) eingeschlossen. Die jüdische Propaganda rief eine beispiellose Bewegung in der Heidenwelt hervor, und dieses mächtige Echo veranlaßte die jüdischen Missionare, ihre Lehre zu einem System auszubauen. Die Einführung in diese systematische jüdisch-universalistische Religion bildete die Lehre von vereob eres, d. h. der allgemein menschlichen, jedes Gewissen ergreifenden, sittlichen Herzensreligion. So wurde den zu Bekehrenden vor allem die goldene Regel Hillels: „Was du hassest, wenn es dich träfe, das tue auch deinem Nächsten nicht" eingeschärft. Daran schloß sich auf Grund von Psalm 1(2 ff. die Lehre vom guten und vom schlechten Weg, woran sich die Aufzählung von Tugenden und Lastern (Tugend- und Lasterkataloge) und die Lehre von den letzten Dingen (Eschatologie) anschloß. Die älteste noch vorhandene, nach diesem Schema systematisch zusammengestellte Lehre, sozusagen den ältesten jüdischen Propaganda- Katechismus besitzen wir in mehreren vsreob erez - Traktaten, vor allem in Tanna debe Eliahu und Orchoth Chajjim des R. Elieser ben Hyrkanos sowie in dem Pseudophokylideischen Gedichte und den Sibyllinen. Der Erfolg dieser Propaganda war die Gewinnung großer heidnischer Bevölkerungsmassen, welche „Gottesfürchtige" genannt wurden; „der prophetische Monotheismus war in der vorchristlichen Zeit auf dem Wege Weltreligion zu werden." Da nahm das junge Christentum unter der Führung von Paulus die Missionstätigkeit des Judentums auf. Seine Erfolge errang es nicht nur mit den jüdischen Gedanken und Lehren, sondern — und darin gipfelt der Nachweis des vorliegenden Werkes — mit der jüdischen Missionsliteratur. Der älteste christliche Katechismus der Apostel, die sogenannte viäaeko ist eine ursprünglich jüdische Missionsschrift oder zusammengestellt aus jüdischen Kompendien. Durch diesen überraschenden, glänzend gelungenen Nachweis rückt die Apostelgeschichte, ja das ganze „neue Testament" in eine neue Beleuchtung. Die neutestamentliche Zeitgeschichte wird nicht umhin können, ihren weiteren Forschungen die Ergebnisse von Prof. Klein zugrunde zu legen. Was will es gegenüber diesem unwiderleglichen Hauptresultat des Werkes besagen, wenn einzelne Kombinationen und Folgerungen weniger schlagend erscheinen. Gewiß finden sich in dem Werke manche unbewiesene Details. Die glänzende Kombinationsgabe, die geistreiche Lebhaftigkeit des Autors verführt denselben bisweilen zu Hypo-