Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111120-3118244--6930-3118418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
138 Hauptstadt herbeigerufene Helfer in der Not entledigte sich der ihm gestellten, so verschiedenartigen rednerischen Aufgaben mit solcher Meisterschaft, daß man ihn allgemein als den geeigneten Nachfolger von Michael Sachs ansehen durfte. Die Verhandlungen mit ihm wurden denn auch sofort eingeleitet, allein sie blieben erfolglos, weil Breslau seinen ausgezeichneten Prediger dauernd dort zu fesseln wußte. Hierdurch wurde nun aber die Frage der Berliner Rabbinerwahl geradezu brennend, denn inzwischen war auch die Einweihung der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in unmittelbare Nähe gerückt. Nach kurzen Vorbesprechungen entschlossen sich Vorstand und Repräsentanten drei angesehene und urteilsfähige Mitglieder aus ihrer Mitte mit dem Aufträge zu betrauen, sich nach Südwestdeutschland zu begeben um in den dortigen großen Gemeinden den für den Berliner Posten geeignetsten Rabbiner ausfindig zu machen. Die Angelegenheit sollte unbedingt geheim gehalten werden, um die betreffenden Rabbinen zu überraschen. Die Herren „Meraglim" (Kundschafter), wie man sie später spöttisch benannte, begaben sich also auf die Rabbinerschau. Ihre Wahl war auf vr. Aub in Mainz gefallen. Wie leicht begreiflich, sah man in der Gemeinde mit größter Spannung dem Erscheinen des Nachfolgers eines Michael Sachs entgegen. Zu Beginn des Jahres 1865 hielt der neugewählte Rabbiner vor einer dichtgedrängten Zuhörerschaft in der Synagoge Heidereutergasse seine Antrittspredigt. Seine äußere Erscheinung enttäuschte, Aub sah eher einem evangelischen Landpfarrer ähnlich als einem Rabbiner. Als er aber seinen Mund öffnete und dem Gehege seiner Zähne die ersten Worte in jenem Dialekt entströmten, der zwischen Frankfurt und Mannheim landläufig ist, für norddeutsche Ohren jedoch einen unfreiwillig komischen Beiklang besitzt, da ging es bereits wie ein leises Zischeln und Tuscheln durch die Reihen der Zuhörer. Begann er aber über den Wochenabschnitt unserer „heiligen Dore" — womit natürlich die Tora gemeint war — zu reden, da war es dem Berliner Spott schwer genug, an sich zu halten. Und dazu kam noch zum Ueberfluffe, daß der Inhalt dieser Antritts-