Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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187 König Friedrich Wilhelm IV hatte die eben gewählte erste Kammer des Preußischen Landtages zu einem Empfang in das Schloß geladen. Nach Erledigung des üblichen Zeremoniells beschied der König durch eine der diensttuenden höheren Hofchargen den Vertreter der Stadt Berlin, Dr. Moritz Veit, zu sich, und verwickelte ihn in ein längeres Gespräch. Mit der dem Könige eigenen Lebhaftigkeit richtete er unter anderem auch die Frage an ihn, ob er schon von dem soeben erschienenen Buche „Rom und Jerusalem", von einem Schriftsteller namens Moritz Heß, Kenntnis genommen habe. Als der Angeredete die an ihn gerichtete Frage verneinen mußte, riet ihm der König zunächst dringend, das Buch zu lesen, skizzierte aber gleichzeitig in der ihm eigentümlich geistreichen Weise die Hauptgedanken der Schrift, und fragte den Vertreter der preußischen Hauptstadt in der ersten Kammer, was er denn für den Fall der Errichtung eines jüdischen Königreichs Palästina zu tun gedächte. Schlagfertig erwiderte Veit: „Majestät! Ich würde meinen zukünftigen König um den Gesandtschaftsposten in Berlin bitten!" Lachend reichte ihm der König die Hand mit den Worten: „Also wird kein Wohnungswechsel nötig sein." Michael Sachs und Moritz Veit verband eine edle Freundschaft bis an ihr Lebensende, das leider nur allzu rasch eintreten sollte. Sie sind beide in einer Woche, Anfang 1864 aus dem irdischen Dasein geschieden. Das war überhaupt ein für die Entwicklung der inneren Zustände unserer Gemeinde entscheidendes Jahr. Auch der unsterbliche Komponist Giacomo Meyerbeer hat im Mai desselben Jahres seine Augen für immer geschlossen. Die Gemeindeverwaltung befand sich in der bittersten Verlegenheit, denn, so erstaunlich es sein mag, es gab in dem großen Berliner Gemeinwesen keinen Mann, der für fähig erachtet werden konnte, einem der genannten drei großen Toten an ihren Gräbern die Gedächtnisrede zu halten. Man war gezwungen, sich nach Breslau an den dortigen Rabbiner Dr. Josl zu wenden, dem dann auch der Berliner jüdische Witz sehr bald die Bezeichnung eines ^Meß" (Leichen)-Predigers beilegte. Der aus der schlesischen