Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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136 ins Stocken geraten war. Da drängt sich Wohl dem einen oder dem anderen Leser die Frage auf die Lippen: „War denn nicht damals ein Mann von der Bedeutung des vr.MichaelSachs Prediger in unserer Berliner Gemeinde, und dennoch sollte das innere Leben stocken, ja erstarren?" Vielleicht dürfte die Lösung des Rätsels in Folgendem zu finden sein. Michael Sachs war eine starke, ihres Eigenwertes bewußte, stolze Persönlichkeit, die sich von der flach liberalen rein bürokratischen Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten innerlich abgestoßen fühlen mochte. Es herrschte zwischen dem wegen seiner hinreißenden Beredsamkeit wie wegen seines vornehmen Wesens gleich verehrten Prediger und der Gemeindevertretung so etwas wie ein latenter Kriegszustand. Man ist dabei versucht, an das berühmte Schillersche Dystichon von dem Adel in der sittlichen Welt zu denken. Michael Sachs lebte sehr zurückgezogen. Eifrig mit seinen großen literarischen Arbeiten beschäftigt — seine „Stimmen vom Jordan und Euphrat", sehr gelungene Uebertragungen der bedeutendsten Dichtungen aus der jüdisch-spanischen Zeit, sowie seine Übersetzung der umfangreichen Festgebete (Machsor) hatten seinen Ruf in weiten, über Berlin hinausgehenden jüdischen wie christlichen Kreisen verbreitet — blieb ihm wenig Zeit übrig, in das innere Gemeindeleben tätig einzugreisen. Er beschränkte seinen Umgang aus wenige, ihm gleichgesinnte Freunde, zu denen besonders Dr. Moritz Veit gehörte. Dieser, der Sprößling einer altangesehenen Berliner Familie, hatte sich nicht bloß in der Berliner, sondern auch in der gesamten deutschen Oeffentlichkeit eine Stellung zu erwerben gewußt, wie sie nur in den seltensten Füllen einem deutschen Juden seiner und späterer Zeiten zu erreichen beschieden war. Jahrelang bekleidete er als Begründer der hochangeseheneu Leipziger Verlagsfirma Veit & Co. das einflußreiche Ehrenamt des Vorsitzes des deutschen Buchhändler-Börsenvereins; das Vertrauen seiner Berliner Mitbürger hatte ihm das Mandat in das erste preußische Parlament übertragen. Es sei uns gestattet, zur Charakteristik dieses hochangesehenen Mannes, das hier folgende, bestens beglaubigte Geschichtchen einzuschalten: