Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Adolf Zellinek
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 124 — Ireibung schuldig, wenn man behauptet, daß jede Predigt Jellineks eine wissenschaftliche Leistung ist, noch mehr — «ine künstlerische Leistung, ein dichterisches Gebilde aus agadischer Phantasie geboren, vom Duft des Libanon umhaucht, das Himmelslicht des Sinai in einzelne Strahlen hell und klar zerlegend. Bei der Betrachtung der hervorragenden großen Synagogenprediger aus dem vorigen Jahrhundert taucht unwillkürlich zuweilen die Vorstellung von einer Seelenwanderung auf, als seien Seelenfunken der alten Midraschlehrer aus der Zeit des klassischen Talmudismus auf neuzeitliche Persönlichkeiten übergesprungen und hätten deren Geist befruchtet, um auf der jüdischen Kanzel Deutschlands die deutsche Methodik und den orientalischen Märchenzauber und das rabbinische Ingenium mit einander zu verschmelzen, um dem Genius des Midrasch, der von den Einen mit ihrer Liebe und von den Anderen mit ihrem Haß gequält und mißhandelt ward, zu seinem dichterischen und exegetischen Recht zu verhelfen. Solcher Auserwählten giebt es freilich nur wenige, aber in ihre Reihe gehört unstreitig Jellinek, ja er muß sogar als Erster obenan in dieser Reihe gestellt werden, der noch heute von keinem anderen übertroffen worden ist und unvergleichlich dasteht. 1. Adolf Jellinek war ein Meister der literarischen Kleinkunst?) Eine gewandte und gewählte Sprache, eine feine Schattierung der Ausdrucksweise, plastische Entwicklung y Zur Orientierung mögen folgende biographische Notizen genügen. Jellinek ist geboren am 26. Juni 1821 in Drzaslowitz, einem Dorfe in Mähren, nahe bei Ungar. Brod. In seiner Jugend erhielt er eine talmudische Ausbildung, ging dann, um sich sortzubilden, nach Prag und von da nach Leipzig. Als sich zu Leipzig eine jüdische Gemeinde zu bilden begann, wurde er im Februar 1848 als Religionslehrer mit einem Fahresgehalt von 100 Talern angestellt, im März 1850 übernahm er zugleich die Predigerstelle, wurde vom Elementarunterricht an seiner Religionsschule befreit und sein Gehalt ward auf 450 Taler erhöht. Im November 1856 wird er nach Wien als Prediger berufen, tritt aber sein Amt dort erst im Oktober 1857 an. In Men ist er am 29. Dezember 1893 gestorben.