Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Adolf Zellinek
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 123 — welche von einem reichen, welligen Haarwuchs scharf umrahmt, von allerlei feinen Furchen durchzogen war, so daß man fast zu einer Metoposkopie herausgefordert' schien. In der Unterhaltung erwies sich Jellinek lebhaft^ anregend und fesselnd. Sein merkwürdiges, treues und sauberes Gedächtnis erregte Verwunderung, er sprühte von biblischen und talmudischen Anspielungen, von derartigen Wortspielen und Geistesblitzen. Er führte fast ausschließlich das Wort, das man ihm auch gern darum überließ, weil er schon damals schwerhörig war und doch diesen Mangel einen Fremden nicht merken lassen wollte. Viel sprach er von dem, was er auf der Kanzel leiste, wie er von da aus seine Stimme, vielleicht als der einzige in Wien, gegen Reaktion, Unduldsamkeit und klerikalen Judenhaß erhebe, daß er wohl niemals, wenn nicht unvorhergesehene Zufälligkeiten ihn dazu zwängen, unvorbereitet vor das Publikum trete und daß er gewöhnlich für die Vorbereitung auf eine Sabbathpredigt drei Tage verwende. Gegen die Breslauer Theologenschule war er von Vorurteilen nicht ganz frei, vielleicht weil sie sich, nach seiner Anschauung, zu stark der konservativen Richtung zuneigte, wahrscheinlich aber, weil sie zwar seine homiletische Virtuosität anerkannte, seine wissenschaftlichen Arbeiten hingegen nicht genügend würdigte. Überhaupt schien es, als hätte er gegen die jüdischen Gelehrten Deutschlands und auch Galiziens manches auf dem Herzen, als ob sie seinen literarischen Verdiensten nicht die — wie er glaubte — gebührende Gerechtigkeit widerfahren ließen. Sein Temperament war aus Anerkennung und Beifall eingestellt, er gehörte eben zu dem genas irritabile vatum und hat es daher schwer empfunden, daß man seiner wissenschaftlichen Bedeutung nicht die gleiche Anerkennung zollte, wie sie in reichem Maße seiner Kanzelberedsamkeit zuteil wurde. Die spezifischen Talrnudisten insonders, welche damals nur flügellahme Epigonen der talmudischen Heroen einer verblaßten Vergangenheit waren, wollten kein anderes Wissen gelten lassen, als das talmudisch-halachische, nach dialektischem Zuschnitt aufgeputzt. In Wirklichkeit jedoch macht man sich keiner Über-