Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Adolf Zellinek
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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des Gedankens durch Häufung der Worte und Redewendungen, ein streng logischer Zusammenhang, eine durchsichtige Klarheit, ein scharf bestimmtes Ziel sind Vorzüge, welche schon in seinen journalistischen und feuilletonistischen Aufsätzen sich angenehm geltend machen und nun gar den Predigten mit ihren rhetorischen Mitteln Glanz und Kraft und Spannung verleihen. Zu solchen Mitteln verwendet er treffende Gleichnisse oder geschichtliche Belege und Anknüpfungen, welche stets genau und zuverlässig wiedergegeben werden; gar nicht selten läßt er je nach Gelegenheit und Umständen einen scharfen oder zarten, immer aber leicht verständlichen Sarkasmusspielen. Dazu kommen, um Wirkung und Eindringlichkeit zu verstärken, Anspielungen auf Bibel und Talmud noch hinzu, welche ganz ungesucht und selbstverständlich wie rythmische Untertöne hineinklingen und erst hinterdrein als originell aufgesaßte Zitate erkannt werden oder als feinsinnige Deutungen grotesker Märlein und Sprüche sich geben. Form und Inhalt stehen in gleicher Weise aus der Höhe der modernen Stilforderung und des alten Midraschgeistes, beides ergänzt einander und erklärt sich gegenseitig, so daß durch die elftere erst das wirkliche Verständnis des letzteren, namentlich dem Leser, aufgeht. Darauf beruht der unvergängliche Reiz der Jellinekschen Homilien und das sichert ihnen für immer einen klassischen Wert. Wer diese Reden nur einigermaßen aufmerksam liest, hat das wohltuende Gefühl, als würde ihm ein smaragdgrüner Römer kredenzt, der mit leuchtenden Rosetten besät, in zartem Farbenwechsel schimmert und flimmert, aus dem ihm der perlende und prickelnde Würzwein der Torah entgegen duftet. Es fei beispielsweise auf eine Predigt am Wochenfest 18611) hingewiesen, „Ruth" betitelt. Sie schildert zunächst in lebhaften, glühenden Farben die hohe kulturgeschichtliche Bedeutung des Festes und geht dann zu der allgemein bekannten Frage über, warum an einem solchen Feste ein Idyll wie „Ruth" zu lesen empfohlen wird. Darauf erfolgt die Antwort r *) „Predigten", Erster Teil (Wien, 1862), S. 3.