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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1925-01-01 · 26 (1925) · p. Seite 55

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
26 (1925)
Article
Breslauer Erinnerungen
Date
1925-01-01
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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— 55 wußten sie tatsächlich von keinem geschichtlichen Ereignis, das sich jenseits der Revolution des Jahres 1848 abgespielt hatte. Von jüdischen Gelehrten, die sich in der Welt ein großes Ansehen erworben, war ihnen lediglich Moses Mendelssohn bekannt, den sie zumeist als Mosche Dessau (aus Dessau) bezeichneten. Daß diesen Einfältigen im Geiste deffen deutsche Pentateuchübersetzung, „der Tatsch" (Deutsch) als ein ketzerisches Unterfangen galt, kann nicht weiter Wunder nehmen. Auch mit der Kenntnis des jüdischen Schrifttums selbst war es bei ihnen übel genug bestellt. Von einer methodischen Erfassung des Talmuds, seiner Entstehungsgeschichte war auch entfernt nicht die Rede. Von der großartigen literarischen Entwicklung der spanisch-arabischen Juden hatten sie auch nicht die leiseste Ahnung. Lediglich die Namen Rambam (Maimonides) und Jbn Esra waren ihnen geläufig. Aus früherer Zeit trat selbstverständlich R a s ch i in den Vordergrund, nicht sowohl als der unentbehrliche Erklärer des Pentateuchs sowie der anderen biblischen Schriften, als vielmehr der des Talmuds. Dagegen hantierten sie beständig mit Rabbi Josef Karo, mit dem „R.Jcha-Kodesch" (Isaak Lurje), ferner mit dem R a m o, und aus der neuesten Zeit standen bei ihnen in höchster Verehrung Rabbi Eliah aus Wilna, kurzweg der Gaon (Guen) genannt und der Posener Rabbi Äkiba Eger (Reb Kiewe Eiger). Ihre gesamte Kenntnis der nichtjüdischen Geschichte läßt sich in die zwei Namen zusammenfassen: „Sander Muckdan", darunter verbirgt sich Alexander der Mazedonier, und „Tittes (Titus) der Rosche". So war der geistige Gesichtskreis dieser Männer beschaffen. Sie wanderten gleichsam als Fossilien unter den Lebenden ihrer Zeit — und dennoch in ihrer Art ehrwürdig. Bis in die allergeringfügigsten Lebensgewohnheiten hinein, hielten sie an den urväterlichen Bräuchen fest. Mit Ausnahme meines Lehrers, des Dajan, trieben die übrigen Brüder damals einen Lederhandel, der ihnen jedoch Zeit genug ließ, um ihren talmudischen Studium eifrig nachzugehen. Denn diese Beschäftigung galt ihnen ja als ein Gottesgebot. Sie „lernten" im Talmud, um seiner selbst, um der

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