Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Breslauer Erinnerungen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111118-3115207--6668-3115290- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
56 — Sache willen. Sie glaubten damit lediglich einer idealen Pflicht zu genügen und sie fanden darin eine sie beseeligende Zufriedenheit. Sie waren allesamt mehr oder weniger Naturen wie der Pater bona fide in Lessings „Nathan" und das traf besonders auf meinen Lehrer Reb Falek zu. Das kleine, schmächtige Männchen war vertrauensselig, hatte kein Arg, man hörte nie ein böses, oder gar ein zorniges Wort aus seinem Munde. Nur ein einziges Mal habe ich den stets friedlich gesinnten alten Mann in einer furchtbaren inneren Entrüstung und in einem maßlosen Zorn aufbrausen sehen- Das geschah, als seine Schwiegertochter uns bei unserer Talmudlektüre überraschte und mit einem gewiffen brutalen Trotz ohne Haarscheitel vor ihm erschien. Ich sehe den über diese ihm angetane Schmach außer sich geratenen Reb Falek noch in aller Deutlichkeit vor mir. Totenbleich erhob er sich von seinem Sessel, keines Wortes mächtig, zitternd an allen Gliedern seines schwachen Körpers. Endlich erhob er die geballte Faust, er holte aus, ich fiel ihm in den Arm und erinnerte ihn, um ihn einigermaßen wieder zu sich zu bringen, an das Wort, daß nicht die Sünder, sondern die Sünden ausgetilgt werden mögen. Ich winkte der kecken Schwiegertochter zu. sich zu entfernen. Mein in's Herz getroffener armer Reb Falek sank halb ohnmächtig in seinen Sessel zurück, ein Tränenstrom ergoß sich aus seinen Augen, er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, sein ganzer Körper zuckte wie von einem Fiebersrost geschüttelt — an diesem Tage lasen wir nicht weiter. Hier unter diesen Falk-Familien lernte ich zum ersten Male den Begriff, das Wesen „Ghetto" kennen und verstehen. Hier atmete man richtige „Ghetto "-Luft. In Kempen war das keineswegs der Fall. Das ganze polnische Landstädtchen trug ja einen ausgesprochen jüdischen Charakter; außerdem waren die Juden geistig recht lebhaft angeregt. Man nahm Anteil an den Zeitereignissen, die Schlesische Zeitung wurde in einigen Häusern gelesen, hie und da fand sich ein Schillerexemplar vor. Kurz, ein gewisses Streben nach neuzeitlicher Bildung