Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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227 Regungen und Erregungen hingeben und der leicht bewegliche Sinn eines jungen Geschöpfes erschließt sich leicht und willig anderen Eindrücken. Aber die Nachwirkung dieser Stimmung begleitete mich durch mein ganzes Leben. Es wurde Zeit, sich für die Zeremonie zu schmücken. In unserer „guten Stube" lagen die Festgewänder ausgebreitet. Schwerer grauer Brokat für die Mutter, dazu reicher Schmuck und die breite Perlenbinde, die den Scheitel bedeckte. Ein weißes, gelupftes Tüllkleid für mich, mit rosafarbenen Atlasbändchen garniert, in Volants und Festons bis zur Mitte des Rockes. Die Taille mit einem. Brusttuch nach damaliger Mode, züchtig verhüllt, und mit rosafarbener Schärpe geschlossen. Weiße, hohe Stöckelschuhe und durchbrochene Strümpfe . . . das alles entzückte mich und meine Eitelkeit wurde rege. Zum ersten Male würde ich in solchem Staat vor aller Augen erscheinen und alle würden mich sehen und — einer! Und ein Kranz von rosa Astern würde in meinem Haar ruhen, das in Ringellocken frisiert werden sollte. Ich dachte nun an nichts anderes mehr und erwartete mit Ungeduld die Ankunft der „Friseurin". Ja, wahrhaftig, Frau Röschen Notmann, die bei festlichen Gelegenheiten alle jungen Mädchen der Gemeinde frisierte, sollte heute zum ersten Male auch mein Haar ordnen. Als ich dann fix und fertig vor den Spiegel trat, da gefiel ich mir und war nur von dem einen Gedanken erfüllt, auch den andern zu gefallen. Dann gings hinüber ins Hochzeitshaus. Da gab es wieder vielerlei zu schauen. Nachdem die Gäste versammelt waren, in einem Zimmer die Frauen und Mädchen um die Braut geschart, in dem andern die Männer um den Bräutigam, wurden Wein und kleine Kuchen herumgereicht, an denen alle sich laben konnten, nur das Brautpaar nicht. Hannchen in einem schweren weißen Atlaskleid sah sehr bleich aus und bewegte sich schwerfällig in der ungewohnten Tracht. Ihr Haupt war von einer Art goldener Haube bedeckt, von der dichte, schleierartige, goldbestickte Gewebe zu beiden Seiten herabwallten. Kurz vor der Trauungszeremonie trat Rabbi Akiba Eger vor sie hin und breitete einen Zipfel des Schleiers unter einem Segensspruch über ihr Antlitz. Dann nahm er aus ihm dargereichter silberner Schüssel eine Hand voll Hopfen 15*