Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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228 und streute sie auf das gesenkte Haupt der Braut. Ein Symbol der Züchtigkeit die eine, eines der Fruchtbarkeit die zweite Zeremonie. Unter Gebetsprüchen wurde dann die Braut von ihrer und meiner Mutter, der Bräutigam von beiden Vätern unter den Trauhimmel geleitet, der unter freiem Himmel errichtet war und dessen Stangen vier junge Leute^ die Freunde des Bräutigams, hielten, während alle übrigen Gäste sich darum gruppierten. Das Bild blieb mir unvergeßlich — Alter und Würde, Jugend und Fröhlichkeit, Andacht und Lust, alles in einem Gefühl vereint, der frommen Wünsche für das junge Paar. Die sehr feierliche und umständliche Zeremonie fesselte mein Interesse. Der lange, in hebräischer Sprache verlesene Ehekontrakt, die Segenssprüche des Rabbi und einzelner damit betrauter Ehrengäste, die heilige Handlung des Ringansteckens, der gemeinsame Trank aus goldenem Pokale, das Glas, das der Bräutigam mit festem Tritt zerbrach . . . Das alles erfüllte mich mit tausend Gedanken, und als der Trauungsakt beendet war, brach ich halb ohnmächtig zusammen, während Hannchen und Josef glückstrahlend die Glückwünsche der Verwandten und Freunde Entgegennahmen. Meine Mutter und Schwägerin, Davids- Frau, waren zärtlich um mich bemüht, und ich hörte, wie im Traume, wie meine Schwägerin der Mutter beruhigend sagte: „Naemi ist noch zu zart, na, bis zu ihrer Hochzeit wird sie es schon besser vertragen ..." Meine Hochzeit! Sie machte zur Zeit viel von sich reden ... es war das erste Mal, daß mit gewissen, für unerläßlich geltenden Gebräuchen gebrochen wurde. Mein Bräutigam, Dr. Michael Ehrenfest, hatte es durchgesetzt, daß mein Haar nicht der alten Sitte des Scheerens anheimfiel, ich behielt meinen Hauptschmuck und durfte ihn frei und unbedeckt tragen. Das verletzte zur Zeit manch frommes Gemüt und mancher dachte und sagte: „Die neumodische Zeit breche an für die Juden und man räume auf mit Vorurteilen und altem Brauch" ... In meinem Herzen aber war sie schon einige Jahre vorher angebrochen, am Hochzeitstage meines Bruders Josef, denn in all dem Trubel und Jubel, mit dem nach beendeter Trauung das Fest gefeiert wnrde, wachte in mir etwas Neues, Fremdes auf . . . etwas, das nach Klarheit.