Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Frömmigkeit in Judentum und Christentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 36 (sequence 7)
- Language
- German
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Max Dienemann daß es eine seelische und sittliche Aufwärtsbewegung gibt, eine Zuversicht, an der es mit Überzeugung auch in Zeiten festhält, die einen am Menschen verzweifeln lassen könnten. Diese besondere Frömmigkeitsstimmung prägt sich nicht nur in der großen Frage der Zukunft der Menschheit und den Möglichkeiten ihres Zieles aus; damit sie in diesen zum Ausdruck kommt, muß sie schon in der Arbeit und den Fragen des Alltages sich entscheiden. Man muß auf die Frage antworten: hat der Mensch ein Anrecht auf die Selbständigkeit seines Tuns? Das ist die große Frage der Gnade. Die Voraussetzung der sittlichen Schwäche des Menschen raubt der Tat ihren Eigenwert. Alles ist dann von der Gnade Gottes abhängig., nicht nur sein Schicksal, sondern auch sein Tun. Sein Frommsein, sein Glauben, sein Beten wollen, sein Betenkönnen, seine Kraft zur Liebe, alles ist dann Werk der Gnade. Alle seine Gemeinschaft mit Gott ruht auf Gnade. Der Mensch ist nicht Subjekt seines Tuns, sondern Objekt der Gnade Gottes. Und glaubt er sein Eigenes in die Tat zu legen, will er das tun, so ist das vollendete Sünde, Mangel an Demut, Hochmut der Leugnung der ewigen Abhängigkeit des Menschen. Im Judentum aber führt dessen Auffassung vom Menschen dazu, die Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit festzuhalten. „Alles ist in Gottes Hand, nur nicht die Ehrfurcht vor Gott", so lautet ein maßgebender Satz. Der Jude weiß, daß alles Schicksal in Gottes Hand ruht, daß niemals der Erfolg Werk des Menschen ist. In welche lichte Höhen oder dunkle Tiefen seine Bahn ihn führt, alles liegt in Gottes Hand, aber seine Tat bleibt, wie im Bösen so im Guten, immer seine Tat«, Weil er mit der Kraft zur Tat beschenkt ist, muß er die Formung seines Charakters selbst sich vornehmen. Je mehr von Eigenem er in die Tat trägt, um so mehr dient er der Ausbreitung des Gottesreiches, wenn er nur in seiner Tat Zeugnis davon ablegt, daß es seine Lebenslinie ist, der Heiligkeit Gottes nachzustreben und dem Vorbild Gottes nachzueifern. Man vergißt nie, daß alle Gnade Geheimnis ist, ob sie wirkt und wie sie wirkt, das kann man nicht sagen und entscheiden, und wenn es in Stunden des Ringens und Suchens sich auf die Lippen drängt, daß man um Gottes Beistand für die Tat betet, wenn man auch fühlt und fühlen muß, daß man sie allein nicht vollenden kann, es bleibt innerstes Fühlen, daß man den ersten Anstoß, die Entscheidung in der Wahl zwischen Gut und Böse selbst gewinnen muß. „Hilfe von oben wird dem zuteil, der den Weg des Guten zu gehen selbst sich müht." Und nicht um den Gegensatz Gnade — Gerechtigkeit handelt es sich hier, sondern um die Frage, hat der Mensch sittliche Selbständigkeit? Und 36