Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Frömmigkeit in Judentum und Christentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 35 (sequence 6)
- Language
- German
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Frömmigkeit in Judentum und Christentum bezeichnen, das Können des Menschen zu steigern und seinen Willen anzuspannen, indem man ihm seine sittliche Selbständigkeit ins Bewußtsein hebt. Nicht daß man für die Macht der Sünde und für ihre Gefahr kein Auge gehabt hätte, man nahm ja alles zu ihr Treibende so ernst, daß man den unnachahmlichen Versöhnungstag schuf, aber man lehnte es ab, der Sünde eine selbständige Macht zuzuschreiben, man wollte es nicht als Mittelpunkt der Religion empfinden, sich ständig unter der Herrschaft der Sünde zu fühlen und darum nach der Erlösung sich zu sehnen. So unbedingt hat man den Kampf des Menschen selbst gegen alles in ihm zur Sünde Treibende als Ausdruck der Frömmigkeit empfunden, so wenig Selbständigkeit hat man der Sünde zuerkannt, daß man das in seiner Kühnheit kaum überbietbare "Wort prägte: „Es heißt In der Schöpfungsgeschichte, ,Gott sah alles, was er geschaffen, und siehe es war sehr gut', es war gut — das bedeutet den guten Trieb im Menschen, es war sehr gut — das bedeutet jezer hora — den bösen Trieb". Aus dieser Frömmigkeitsstimmung wächst die besondere Einstellung zur Welt und zur Kultur. Mit der christlichen Auffassung von der Sünde als einer realen Macht ist es gegeben, daß man diese Welt als unter ihrer Herrschaft stehend ansieht, als eine gefallene Welt, über der Gottes Gericht steht, die in ihrer Irdischkeit nie zum Reiche Gottes werden kann. Alle Dinge tragen dann den Keim der Sünde in sich, und die innere Situation der Seele ward durch nichts geändert. So kam es z. B. auf der Stockholmer Weltkonferenz zum Ausdruck, daß alle lutherisch Gerichteten streng darauf beharrten, daß man keine Kulturarbeit leisten kann in der Hoffnung, damit ein neues Reich zu bauen. Das Judentum steht der Welt und der Kultur — Kultur, nicht Zivilisation — bejahend gegenüber. Es sieht in allem Arbeiten an der sittlichen Kultur etwas, was die Menschen zu Gott "hinführt, was für die sittliche Anlage künftiger Geschlechter wertvoll ist, was die Welt zum Gottesreich ausbaut. Das darf nicht mißverstanden werden, nicht, daß man kulturselig ist, sich der Welt hingibt, so einem öden Fortschrittsglauben huldigend, aber man ist weltoffen, man glaubt, diese Irdischkeit zu einem Reiche Gottes durch sittliche Arbeit gestalten zu können. Darum hat es die Ehelosigkeit nicht zum Ideal der Frömmigkeit erheben können, sondern die Mehrung des Menschengeschlechts jedem zur Aufgabe gesetzt; darum sah es in dem freiwilligen Verzicht auf Ervverb und der selbstgewählten Armut kein fördersames Ziel, sondern verlangte, aus der Voraussetzung, daß das möglich ist, die Besiegung der Gefahren des Besitzes in der Seele des Menschen. So webt sich in die jüdische Frömmigkeit der ausgesprochen optimistische Zug, die Zuversicht, 3* 35