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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 37

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Frömmigkeit in Judentum und Christentum
Date
1925-01-01
Page
37 (sequence 8)
Language
German
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IRI
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Frömmigkeit in Judentum und Christentum in der Antwort auf sie will das Judentum alles Bejahende mit starkem Nachdruck betonen. Es gibt ein Erlebnis, das nicht nur einmal in den Ablauf menschlichen Erdenseins eintritt, bei dem das Ineinanderklingen von Gnade und sittlicher Selbständigkeit mit besonderer Stärke empfunden wird, das ist das Erlebnis der Schuld und die mit ihr gegebene Sehnsucht nach Entsühnung. Hier hat das Judentum wiederum seine besondere Einstellung. Die Voraussetzung der sittlichen Schwäche der menschlichen Natur führte dazu, die Errettung des Menschen aus seiner Sünde ganz und gar in die Hand Gottes zu legen. Die Umschaffung des sündigen Menschen wird zur Sache Gottes, er muß dem Menschen den besseren Willen eingießen, ihm die Kraft der Reue und des Umkehrenwollens geben. Im dogmatischen Christentum entsprang daraus die Lehre vom Opfertod Christi, der mit diesem Opfertod die Menschen, die an ihn glauben, erlöst hat. Im nicht ans Dogma mehr sich bindenden Christentum bleibt das der Sinn des Christseins, daß man sich der erlösenden Macht des umschaffenden Gottes anvertraut, weil der Mensch allein nie zur Umkehr käme, indem man das als Sinn der Predigt Christi empfindet. So wird die „Erlösung** in diesem ganz individuellen Sinne zum Schlüsselwort der christlichen Frömmigkeitsstimmung. Schlüsselwort der jüdischen Frömmigkeit ist in diesem Bezirk die „Versöhnung", die voraussetzt, daß dem verzeihenden Gott der Mensch gegenübersteht, der sein Eigenstes leisten muß, indem er ganz aus sich zur Reue und zum besseren Wollen gelangt. Sinnbildlicher Ausdruck dessen ist der Versöhnungstag, bei dem neben dem erbarmenden und verzeihenden, die gegenwärtige Schuld tilgenden Gott der Mensch steht, der durch seine Bußfertigkeit und seinen gestärkten Willen sich der Verzeihung wert bereiten muß, wenn auch das Geheimnis, wem Gott Verzeihung schenkt und warum, nie vom Menschen zu entschleiern ist. Der Wille des Menschen, die Läuterung der Seele, die Umschaffung des eigenen Selbst zu beginnen, um die durch seine Sünde gestörte Ordnung der Welt wiederherzustellen, ist eine Handlung der Gerechtigkeit. Indem die jüdische Frömmigkeit diese mit der Reue und dem Eigenstreben gegebene Wiederherstellung der gestörten sittlichen Weltordnung als unentbehrlichen Bestandteil der Gerechtigkeit fordert, die zu der verzeihenden Liebe als notwendige Ergänzung tritt, formt es sich, daß ihr in der Rangordnung der sittlichen Werte die Gerechtigkeit in gleiche Rangordnung mit der Liebe tritt. Wo alles auf die Gnade gestellt ist, wird die Liebe zur alleinigen Spitze in der Stufenleiter der sittlichen Werte, und in der Tat wird das im dogmenfreien Christentum von heute als Sinn des Christseins gedeutet, 37

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