Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Frömmigkeit in Judentum und Christentum
Date
1925-01-01
Page
34 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101219-3110685--8141-3110741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Max Dienemann eines Reiches der Sünde, das nicht das Gottesreich ist und es nie werden kann. Er sieht in Christus den Menschen, der das einmalige unerreichte und unerreichbare Vorbild eines Lebens in vollendeter Gottesnähe geworden ist, so formt sich auch ihm die Überzeugung von der Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit der Person Christi und des Änhangens an ihn, um zu einem Leben in Reinheit und Frömmigkeit zu kommen. Das Judentum gipfelt hingegen in dem Bekenntnis, daß des Menschen Gottesebenbildlichkeit darin bestehe, daß er in sich die Möglichkeit und Kraft zum sittlichen Handeln trage. Darum beginnt jeden Morgen das Gebet mit dem Worte: „Mein Gott, die Seele, die du mir gegeben hast, ist rein". In der aggadischen Auslegung wird man nicht müde, diesen Gedanken immer wieder neu auszusprechen; so stark wird das empfunden, so aus den Tiefen der Seele quillt das, daß man es festhält auch gegen widersprechend anklingende Bibelsätze und gegen ursprünglich in ähnlicher Richtung wie die des Christentums sich bewegende Äußerungen im heiligen Schrifttum. Es kann sein, daß dabei die Erkenntnis mitsprach, daß, gibt man die Voraussetzung der sittlichen Unselbständigkeit des Menschen zu, man mit innerer Notwendigkeit zu einer Vermittlung zwischen Mensch und Gott kommen wird. So ist man über den Bibelvers „denn der Trieb des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an'4 hinweggeschritten, man hat aus ihm den jezer hora, den „bösen Trieb* * entwickelt, hat so die Augen offen gehalten für die Macht des Bösen im Menschen, aber man hat diesem Bösen keine Selbständigkeil zuerkannt und keine unbedingte Macht über den Menschen, man hat im Gegenteil gesagt: „wenn du nun fragen wirst, warum schuf Gott überhaupt erst den jezer hora, den bösen Trieb? antwortet Gott: wer macht ihn denn zum bösen Trieb, nur du selbst". Es kommt eben bei der Beurteilung des Lehrgehalts und der Eigenart einer Religion nicht auf den oder jenen Satz ihrer heiligen Urkunden an, sondern auf den Geist, in dem sie ihre heiligen Bücher verstanden wissen will. Das ist das, was wir die Frömmigkeitsstimmung nannten. Alle Frömmigkeit beginnt für den Christen damit, daß man die unendliche und naturgegebene Sündhaftigkeit des Menschen betont und alles Streben, alle Sehnsucht darauf richtet, von ihr loszukommen. Fromm sein heißt im Christentum, die Erlösungsbedürftigkeit spüren und nach der Erlösung sich sehnen. Alle Frömmigkeit beginnt für den Juden damit, daß er sich in dem Gefühl festigt, mit der Kraft zum sittlichen Tun begabt zu sein und dieser Kraft entsprechend leben zu müssen. Jüdische Frömmigkeit erhält geradezu ihre eigene Note durch dieses stete Anknüpfen an die Kraft des Menschen zum Guten; man kann es als die Erziehungsmethode des Judentums 34

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.