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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 33

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Frömmigkeit in Judentum und Christentum
Date
1925-01-01
Page
33 (sequence 4)
Language
German
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Frömmigkeit in Judentum und Christentum ihm den Weg zeigt, daß er aber nicht einer solchen unmittelbaren ständigen göttlichen Einwirkung bedarf, die die Selbständigkeit seiner sittlichen Persönlichkeit aufheben würde. Alles Christentum geht ständig aus von der Auffassung, daß der Mensch dieser Welt in aller Geschlechterfolge ein der sittlichen Selbständigkeit entbehrendes Wesen ist, das nicht imstande ist, das Gute aus eigener Kraft zu tun, das, wenn es sich einbildet, aus sich selbst zu handeln, wenn es so vermessen ist, sich auf sich selbst zu stellen, in einem ewigen Sündengefühl sich bewegen muß, und das als sittliches Wesen nur bestehen kann durch das Erlösungsgeschenk Gottes und dadurch, daß es sich dem von Gott ihm geschenkten Erlöser anheimgibt und ihn als notwendig anerkennt. Insoweit es notwendig und wichtig ist, eine solche Lehre in dem Wort der heiligen Urkunde des Glaubens niedergelegt zu wissen, hat das Christentum sich dabei auf die biblische Erzählung vom Sündenfall gestützt. Katholizismus und orthodoxer Protestantismus nehmen die Erzählung in ihrer Wörtlichkeit, bauen darauf die Lehre, daß der erste Mensch die ihm einstens verliehene Ebenbildlichkeit Gottes durch seine Sünde verloren habe und diesen Verlust allen seinen Nachkommen in aller irdischen Zeitenfolge vererbt habe. Man bezeichnet das mit dem Worte „Erbsünde*Einzelheiten der Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus in der Auffassung dieser menschlichen Anlage können hier übergangen werden; beiden gemeinsam ist das Bekenntnis, daß von der ursprünglichen Anlage des Menschen nur übrig geblieben sei die Fähigkeit, die Qual der Gottverlassenheit zu empfinden und sich der Erlösung zu überantworten. Aus dieser Grundeinstellung wuchs dann die Lehre von Christus heraus. Die Qual des Bewußtseins, unter einer ererbten Sünde zu stehen, von der man aus eigener Kraft nicht loskommen könne, führte zu der Forderung, durch göttliche Einwirkung von ihr erlöst zu werden. So formte sich der Glaube an einen Erlöser. Dieser Erlöser durfte nicht Mensch sein, sonst hätte er selbst ja unter dem Sündenfluche gestanden; darum mußte er als göttliches Wesen gedacht werden. So ergibt sich das Dogma von Christus, dem göttlichen Wesen, und seiner an der Menschheit vollzogenen Erlösungstat mit innerer Notwendigkeit aus der Grundvoraussetzung von der sittlichen Unzulänglichkeit des Menschen. Der moderne liberale Protestantismus nimmt die biblische Erzählung nicht mehr wörtlich, für ihn ist Christus nicht mehr der Gottessohn, aber geblieben ist bei ihm die Grundeinstellung; er nimmt die biblische Erzählung als die legendenhafte Umkleidung der ewig gültigen unumstößlichen Wahrheit von der Schwäche und angeborenen Sündhaftigkeit des Menschen, seiner Unfähigkeit zum Guten aus Eigenem, von dem Vorhandensein 3 Der Jade, Sonderheft 33

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