Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Frömmigkeit in Judentum und Christentum
Date
1925-01-01
Page
32 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101219-3110685--8139-3110739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Max Dienemann nete, Forderung der schrankenlosen Nächstenliebe und der Hingabe an Gott als Ausdruck lebendiger Frömmigkeit gemäß dem Satze: ,,Du sollst den Ewigen deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft". Gemeinsam ist die Forderung, einen Tag der Woche als Gott geweihten Ruhetag der Seele und des Leibes zu heiligen. Gemeinsam ist der Glaube an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und die Gotteskindschaft aller Menschen, gemeinsam die Herleitung allen sittlichen Lebens aus dem Vorbild des heiligen Gottes, gemeinsam der unverbrüchliche Glaube an die Unsterblichkeit der Seele und gemeinsam die Hoffnung auf ein Gottesreich, in dem eine andere Ordnung der Welt sein wird als die gegenwärtige. Und wenn auch doch bei dieser Darlegung des Gemeinsamen Vollständigkeit weder erstrebt noch erzielt ist, so erhellt aus ihr die innere Zusammengehörigkeit beider Religionen, wie sie sich aus dem einstigen geschichtlichen Verbundensein mit Notwendigkeit ergibt. Und nur aus der geschichtlichen Verwandtschaft erklärt sich auch die bewußte Ablehnung, denn wie bei den Einzelpersönlichkeiten das Auseinandergehen Verwandter die schärfsten Klüfte aufreißt, so steigert auch im Reiche des Geistes das Bewußtsein der inneren Verwandtschaft, des Zueinandergehörens, des Auseinanderstammens, das Erstaunen über das Auseinandergehen, reißt Vermutungen des Nichtsehenwollens auf und löst Verwunderung aus, warum das eine geleugnet wird, wenn doch das andere bekannt wird. Es muß ein Erhebliches sein, in dem die zwei auseinandergehen, wenn es trotz so vielem Gemeinsamen und trotz geschichtlicher Verbundenheit als Trennendes empfunden wird. Es ist nicht in dem zu suchen, was dem oberflächlich die Dinge Anschauenden als das Trennende erscheint, nämlich daß das Judentum mit betonter Strenge die Einheit Gottes lehrt, während im Christentum mit dem Willen zur Verkündigung des einen Gottes die Lehre von der Dreieinigkeit sich verbinden konnte, daß das Judentum das Zeremonialgesetz hat, das das Christentum verworfen hat, daß das Judentum keine Kirche als überpersönliche Heilsanstalt und Verwalterin des Heiles kennt, wie sie das Christentum hat, alle diese Unterschiede, wenn sie auch die Dinge sind, die am stärksten auffallen, sind doch nicht die Grundunterschiede, sie sind nur sekundär aus einem anderen entwickelt und abgeleitet. Das Grundlegende ist eine Verschiedenheit der Auffassung über den Menschen, und zwar nicht zuerst über das Verhältnis von Mensch und Gott zueinander als ganz eindeutig über den Menschen, sein Wesen und Können. Alles Judentum geht bewußt von dem Glauben aus, daß der Mensch Kraft zum Guten in sich trägt, daß Gott in ihn die Kraft gelegt hat, aus seinem Willen und Können das Gute zu erstreben, daß er dazu wohl des göttlichen Gebotes bedarf, das 32

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.