Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Frömmigkeit in Judentum und Christentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 31 (sequence 2)
- Language
- German
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Frömmigkeit in Judentum und Christentum ihm gehören, die von der Gesamterscheinung Judentum unabtrennbar sind, aber mit der Strenge der Ausprägung der christlichen Lehre in Form und Wort sind sie nicht vergleichbar. Seine Lehren sind in der entscheidenden Zeit der Gabelung von Judentum und Christentum nicht in festgefügter theologischer Spekulation niedergelegt worden, sondern in der predigthaften Auslegung des Bibelwortes, der Aggada, in der der Einzelne nach seiner Individualität dem Sinn Wort verleiht und dem Worte Sinn abgewinnt. So kommt es, daß die Worte der Aggadisten vielfältig sind und nicht immer gleichen Sinnes. Und wenn sie mitunter den Einklang vermissen lassen, so geht das oft darauf zurück, daß man in nachchristlicher Zeit Gedanken und Lehren bewußt verlassen und umgebogen hat angesichts der Erkenntnis, daß aus ihren Anfängen sich die Folgerungen ergehen konnten, die in der Urkirche gezogen wurden. So handelt es sich denn im Grunde überhaupt weniger um Lehren und Gedanken als um gewisse Frömmigkeitsstimmungen, die im Judentum und im Christentum sich entfalten. Keine Religion erschöpft sich in den Dogmen und Lehren, die ihre Theologen formen und prägen, am allerwenigsten aber das Judentum, dem in den Jahrhunderten der Religionstrennung die dogmenschaffende systematische Theologie ermangelte. Religionen sind nie eine Aneinanderreihung von Lehren, nie bloß System, nie bloß Weltanschauung, und sie werden ständig von den Menschen neugeschaffen, die von ihnen ergriffen sind, von blutvollen Menschen mit den Spannungen ihrer Seele. Eine Religion hat ihre Eigenart in der Frömmigkeitsstimmung, die sie ihren Bekennern vermittelt, und in der standigen Neuschöpfung, die die zu ihr sich Bekennenden an ihr aus dem Geiste vollziehen, den sie ihnen vermittelt; so wird das Wirksame nicht so sehr die abstrakte Lehre als ihr Gesamtgeist, die in ihr sich kundtuende Einstellung zu dem Suchen, nach der Antwort auf die ewigen Fragen der Menschheit. Judentum und Christentum haben von alten Zeiten her ihr Gemeinsames. Aus der Tatsache, daß ursprünglich das Christentum eine innerhalb des geschichtlichen Judentums auftretende Richtung war, schreibt sich der gemeinsame Besitz des Alten Testaments her, ein Besitz, der, wenn er auch aus rassevölkischen Gründen in der Gegenwart mitunter verworfen wird, doch von allen, die im Christentum nicht Ausprägung einer volklichen Eigenart, sondern eines weltumspannenden religiösen Gefühls erblicken, festgehalten wird. Gemeinsam ist der vom Judentum ererbte Glaube an den einen Gott, den Vater aller Menschen, der Glaube an die unergründliche Liebe und die ewige Versöhnungsbereitschaft Gottes. Gemeinsam ist die, auch im Neuen Testament als Erbgut vom Alten Testament bezeich- 3i