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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 81

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Gemeindeorthodoxie und Separatismus
Date
1923-01-01
Page
81 (sequence 3)
Language
German
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Gemeindeorthodoxie und Separatismus 81 der Zeit ausgegeben wurde und ihrer Bequemlichkeit entsprach, nahm rapide zu. Die Ideologen der Reformbewegung, besonders Abraham Geiger und Samuel Holdheim, schufen eine Art neologes Programm, welches der neuen religiösen Praxis die theoretische Begründung gab, und die mannigfachen religiösen Kämpfe der Zeit — man denke an den ersten und zweiten Hamburger Tempelstreit, an den Konflikt in Breslau anläßlich der Berufung Geigers, an die Reformfreunde in Frankfurt a. M. und die verschiedenen Rabbinerversammlungen — lösten ein immer stärker werdendes aktives Interesse weiter neologer Kreise aus. Das Streben nach der politischen und gesellschaftlichen Emanzipation trug dazu bei, daß eine große Anzahl neologer Juden solche Einrichtungen und Bräuche, die bei der nichtjüdischen Umwelt Anstoß zu erregen schienen, aufgeben und zu unterdrücken suchten. Die Leiter der Gemeinden sahen im überlieferten Judentum etwas Veraltetes, Rückschrittliches, Überwundenes, das sie. mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln bekämpften. 'Diese Zeit charakterisiert Graetz, der gewiß nicht den orthodoxen Standpunkt teilte, als die „Flegeljahre der Reform"1). Ein Zeichen der Zeit war es, als in einer kleinen süddeutschen Stadt der Rabbiner am 9. Aw in einer Predigt zur festlichen Begehung dieses Tages aufforderte, um die Verleugnung der nicht mehr zeitgemäßen Sehnsucht nach Palästina recht deutlich erscheinen zu lassen2). Den Unterricht im jüdischen Schrifttum machte man unmöglich oder unterwarf ihn einschneidenden Beschränkungen, Gemeindeeinrichtungen wie das rituelle Tauchbad und die Schächtung ließ man verfallen. Man lese die Darstellung von S. R. Hirsch3) über die Verhältnisse in Frankfurt a. M. Alle Versuche der gesetzestreuen Gemeindemitglieder, die religiösen Einrichtungen der Gemeinde im Einklang mit dem Religionsgesetz zu erhalten, scheiterten an dem beharrlichen Widerstand der Gemeindekörperschaften. So mußten sie zur Selbsthilfe greifen und durch privaten Zusammenschluß sich selbst die Einrichtungen einer wahrhaft jüdischen Gemeinde schaffen. Es ist das ewige Verdienst Samson Raphael Hirschs, daß er in Frankfurt a. M. durch private Initiative, im Gegensatz zur offiziellen Gemeinde, eine zweite Gemeinde schuf, die das Religionsgesetz zur unverrückbaren Basis aller ihrer Einrichtungen machte. Allmählich fanden die von der „Israelitischen Religionsgesellschaft" ins Leben gerufenen Institutionen auch die staatliche Anerkennung, aber erst das sogenannte Austrittsgesetz vom 28. Juli 1876 ermöglichte die völlige Loslösung von der alten Gemeinde. Damit war auch die Grundlage für eine Ausbreitung des Austrittsgedankens gegeben. Allmählich vollzog sich indes in den Anschauungen der führenden Persönlichkeiten der Großgemeinden ein Wandel. Wohl hielten sie für ihre Person an ihren neologen Anschauungen und ihrer dem überlieferten Religionsgesetz widersprechenden Lebensführung fest. Aber sie erkannten mehr und *) Geschichte der Juden, Seite 524. ) S. R. Hirsch, Gesammelte Schriften I, Seite 123. ) Gesammelte Schriften III, S. 512 ff. Heft 2. 5

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